Kreislauf
Risikofaktor Umwelt
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Gesund in Europa - 1
2.4.2006 - Gerald Schubert

Chemikalien gibt es überall. Im Auto, im Haus, im Pulli, im Deo, im Obst, im Gemüse. Nach einer Untersuchung des WWF hat inzwischen fast jeder EU-Bürger deshalb einige Dutzend Gifte im Blut. Umweltmediziner machen die Chemikalien für die Zunahme von Asthma, Allergien und Krebs mitverantwortlich. Doch einen Überblick, was genau in welcher Kombination und Menge Einfluss auf unsere Gesundheit hat, gibt es nicht. Mit der EU-Chemikalienverordnung REACH soll sich dies ändern, soll die Gefährlichkeit einschätzbarer werden. Das ist auch nötig, denn nicht nur Ärzte und Patienten stehen den umweltbedingten Erkrankungen meist ratlos gegenüber. Gero Rueter gibt einen Einblick in die Schwierigkeiten der Umweltmedizin.

Michaela Reichberger (Name von Redaktion geändert) wurde eine Amalgamplombe rausgebohrt. Eigentlich ein Routineeingriff. Für Michaela Reichberger hatte dieser jedoch schwerwiegende Folgen:

"Ich hatte rasende Kopfschmerzen, wirklich rasende. Außerdem verspürte ich große Unruhe und natürlich auch Angst, weil ich nicht wusste, was das ist. Das war dann schließlich die Motivation, jemanden zu finden, der mir hilft. Sonst hätte ich nie im Leben einen Toxikologen angerufen."

Gerold Sigrist, Umweltmediziner und Toxikologe, erkannte eine Vergiftung durch die Quecksilberdämpfe, die bei der Amalgamplombenentfernung freigesetzt und eingeatmet wurden. Die schnell eingeleitete Medikamentgabe sorgte für Entgiftung und konnte schlimmeres verhindern:

"Zehn Minuten, nachdem ich die Medikamente eingenommen hatte, waren die Kopfschmerzen weg. Und sie sind nie wieder gekommen", sagt Michaela Reichberger.

Sie hatte Glück im Unglück, da sie einen der wenigen Umweltmediziner fand. Ihr Zahnarzt und ihre Hausärztin erkannten die Vergiftung nicht. Jahre später hätten die Ablagerungen des Quecksilbers im Gehirn schwerste Krankheiten bei ihr auslösen können. Den Zusammenhang mit der Amalgamplombenentfernung hätte dann vermutlich niemand erkannt.

Für Gerold Sigrist war der Zusammenhang offenkundig, und die Lösung einfach. In der Regel ist aber für den Umweltmediziner die Suche nach Krankheitsursachen kompliziert:

"Ich persönlich komme aus dem Bereich Pharmakologie und Toxikologie, das ist die Wissenschaft der Wirkung von Chemikalien auf den Menschen. Mein spezielles Arbeitsgebiet ist die wilde Chemie. Ein Beispiel: Sie kaufen im Baumarkt Farbe und übermalen damit eine alte Wandverkleidung. Nun laufen ungeheure Dinge ab. Nach ein paar Tagen können Sie schlecht schlafen, und dann kriegen Sie nachts Alpträume und Schweißausbrüche, oder Sie wachen mit Atemnot auf. Irgendwann haben Sie das Gefühl, dass bei der Renovierung der Wohnung etwas daneben gegangen ist. Aber Sie wissen nicht, was. Ist es der Fußbodenbelag, der Wandanstrich, oder ist es die Farbe selber, die Sie nicht vertragen. Auf jeden Fall haben Sie aus ihrem Zuhause so eine Art Fegefeuer gemacht. In dieser Situation versuche ich dann zuzuordnen, wo das Problem liegen könnte."

Die detektivische Arbeit von Gerold Sigrist beruht zu 80 Prozent auf Ursachenrecherche. Die Testung und Dokumentation von Chemikalien, wie sie die EU-Chemikalienrichtlinie REACH vorsieht, findet der Umweltmediziner grundsätzlich hilfreich. Bis dann aber der Zusammenhang zu den Erkrankungen der einzelnen Patienten hergestellt werden kann, bleibt noch ein schwieriger Weg, sagt Sigrist:

"Wenn ich nicht für die Frage, woraus man denn einen Toner für ein Fotokopiergerät herstellt, vier bis fünf Tage lang im Internet recherchieren müsste, um alle 40 Stoffe zusammenzuhaben, dann würde das die Arbeit sicherlich erleichtern. Aber es würde nicht die grundsätzliche Frage beantworten, warum der Sachbearbeiter X jetzt keine Luft mehr kriegt. Denn derzeit ist es so, dass sich die Sektoren der individualmedizinischen Erkrankungen und der experimentellen Toxikologie auf der Produktionsseite noch nicht mal die Hand reichen. Das sind momentan Wörterbücher von verschiedenen Welten und Sprachen."

Die Umweltmedizin wie auch Gesundheitsschutz, Transparenz und Aufklärung haben nach Meinung von Sigrist in der Gesellschaft noch immer einen viel zu geringen Stellenwert. Weiterhin wird gegenüber den Produktherstellern zu viel Rücksicht genommen.

"Im Moment werden ja die gesundheitlichen Risiken immer bagatellisiert, obwohl sie den Herstellern durchaus geläufig und bekannt sind. Nach dem Motto: 'Wir wollen es ja um Gottes Willen nicht den Kunden sagen, denn dann verkaufen wir ja nichts mehr.' Und solange sich der Gesetzgeber bei der Deklaration damit zufrieden gibt, habe ich doch meine Bedenken, ob da die notwendige Ehrlichkeit oder Aufrichtigkeit überhaupt gewollt ist. Wenn ich mich in mein neu gekauftes Auto setze, und dieses Auto stinkt innen, dann muss es mir möglich sein nachzugucken, woraus das Armaturenbrett gemacht ist, woraus die Polsterung und die Unterpolsterung gemacht sind, welche Kleber verwendet wurden usw."

Aber auch unser Gesundheitswesen setzt nach Meinung des Umweltmediziners an der falschen Stelle an. Anstatt immer mehr Gelder in die Reparaturmedizin zu pumpen, sollten krank machende Faktoren konsequent bekämpft werden. Sei es der Schimmel - die Gefahrenquelle Nummer eins in Gebäuden -, der Lärm, oder chemische Belastungen in Kleidung, Obst und Gemüse. Zwar kosten gesundheitsfördernde Aufklärung und Beratung der Patienten Geld, doch der gesundheitliche Gewinn zahlt sich auch volkswirtschaftlich aus. Gerold Sigrist fordert ein gesellschaftliches Umdenken:

"Das, was wir jetzt machen, ist unbezahlbar. Zu warten, bis wir nach 20 oder 30 Jahren fehlerhaften Lebens unsere Defekte entwickeln, und dann anzufangen, mit einem riesigen Aufwand zu reparieren - also etwa erst zu warten, bis ein Patient eine rheumatische Erkrankung im Vollbild entwickelt hat, und dann jedes einzelne Gelenk auszutauschen - das wird richtig teuer. Dagegen ist vorbeugende Medizin erstaunlich billig. Wenn Sie also das Thema Umweltmedizin in seiner ganzen Breite ansprechen, dann muss man ganz ernsthaft sagen: Wir müssen in unserer Gesellschaft umdenken. Wir müssen darüber nachdenken, welchen Stellenwert dieses Problem haben soll."


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Gesund in Europa - 1
2.4.2006 - Gerald Schubert

Bereits umgedacht hat die Gesellschaft beim Thema Asbest. Der Erfolg dieses Umdenkens, der lässt aber oft auf sich warten. Asbest galt lange als der ideale Baustoff - unzerstörbar, schallisolierend und preisgünstig. Doch das Einatmen von Asbestfasern kann Jahrzehnte später Lungen-, Rippenfell- und Brustfellkrebs auslösen. In Frankreich führte Asbest zur größten Gesundheitskatastrophe, die das Land je gesehen hat. Obwohl seit 1997 verboten, fordert er jedes Jahr Tausende Opfer. In vielen Gebäuden in Frankreich lässt sich eine hohe Konzentration an Asbest finden, doch der derzeit größte Skandal ist die nun seit fast 10 Jahren bestehende Baustelle der Fakultät Jussieu im Quartier Latin. Nadine Baier von Radio France Internationale berichtet:

"In Frankreich haben wir jedes Jahr mehr als 3000 Todesfälle wegen Asbest. Das ist die größte Gesundheitskatastrophe in Frankreich. Wir versuchen dieses Problem bereits seit 10 Jahren zu lösen", sagt Michel Parigot.

Eigentlich ist Parigot Mathematiker im Forschungslabor von Jussieu. Aber als 1994 die ersten Krankheitsfälle auf dem Universitätscampus auftraten, musste er etwas tun, sagt er, und gründete das Anti-Asbest-Komitee und später den landesweiten Verein zum Schutz der Asbestopfer. Heute sind 15.000 Menschen Mitglied in diesem Verein, und 8.000 Opfer kommen jedes Jahr hinzu. Im Jahr 2025 wird sich nach Schätzungen die Zahl der Todesfälle wegen Asbest in Frankreich auf 100.000 belaufen.

Schauplatz Quartier Latin, Fakultät Jussieu in Paris: 200.000 Quadratmeter graue Hochhäuserbauten, gläserne Pyramiden, eine typische Universitätsanlage im Stil der sechziger Jahre. 40.000 Studenten und 10.000 Angestellte arbeiten tagtäglich in diesem Gebäude. Es handelt sich hierbei um das größte asbestverseuchte Gebäude in Europa. Ursprünglich sollten die vor zehn Jahren begonnenen Bauarbeiten der Asbestentsorgung dienen, sagt Michel Parigot:

"Das Beispiel von Jussieu ist typisch. Die Entscheidung der Asbestbeseitigung wurde 1996 getroffen. Der Plan, der vom Bildungsminister unterzeichnet worden ist, hat drei Jahre für die Arbeiten vorgesehen. Neun Jahre später sind 25 Prozent fertig, 35 in Arbeit und 45 Prozent immer noch asbestverseucht. Die Gesetze werden einfach nicht angewandt! Die Universitäten in Frankreich hängen direkt von der Regierung ab. Das heißt: Immer wenn alle zwei Jahre ein neuer Minister ins Amt kommt, ist das erste was er tut, mit dem aufzuhören, was sein Vorgänger gemacht hat. Ein Politiker hat es nicht gerne, ein Gebäude zu sanieren bzw. nur Asbest zu entfernen. Denn das kostet Geld, man sieht jedoch nichts. Die Architektur interessiert viel mehr als die öffentliche Gesundheit. Das ist wirklich ein Skandal!"

Auf fast eine Milliarde Euro belaufen sich nun die Kosten dieser Baustelle, nur 10 Prozent gehen in die Asbestbeseitigung. Und nicht nur Jussieu, sondern auch la Tour Montparnasse in Paris, ein 210 Meter hoher Turm mit 56 Etagen, in dem 5000 Angestellte arbeiten, oder die Bibliothek Francois Mitterand sind von Asbest verseucht.

In der Universität gehen Studenten gelassen mit der Baustelle um. Eric Chasserie glaubt nicht, dass er erkrankt:

"Ich bleibe ja nicht so lange hier, vier oder fünf Jahre vielleicht. Aber Studenten in der Forschung bleiben oft viel länger und arbeiten in den asbestverseuchten Forschungslaboren. Ich persönlich hoffe natürlich, dass ich nicht krank werde. Ich denke einfach nicht daran."

Doch in 30 Jahren denkt er vielleicht anders darüber, sagt die 63-jährige Marie Madeleine. 30 Jahre hat sie im Forschungslabor von Jussieu als Mathematikerin gearbeitet. Vor einem Jahr kam die Nachricht: Sie hat die sogenannte Pleuraplaques, eine Veränderung des Brustfells:

"Ich kann es nicht akzeptieren, dass, wenn man schon weiß, dass Asbest tötet, die Arbeiten z.B. in Jussieu so lange dauern - mehr als 10 Jahre! In dieser Zeit können noch mehr Kollegen krank werden, und diejenigen, die vor 30 Jahren verseucht wurden, wissen heute erst, dass sie eine Krankheit haben. Es ist ein Skandal, dass das Asbestproblem von Politik und Verwaltung nicht ernst genommen wird. Wenn man sich betrunken ans Steuer setzt, ist man selbst verantwortlich dafür, und wenn man raucht, hat man das selbst entschieden. Aber Asbest trifft Leute, die nichts getan haben. Ich konnte damals auch nicht wissen, dass ich von Asbest umgeben bin. Ich habe es mir zwar gedacht, aber es war doch unmöglich, aufgrund von Asbest eine Stelle abzulehnen und die Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen."

Immerhin: Es scheint sich etwas zu tun. Zum ersten Mal hat die Pariser Staatsanwaltschaft in dem Fall nun von sich aus Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung eingeleitet.


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2.4.2006 - Gerald Schubert

Wir verlassen jetzt Paris und kommen nach Prag. Hier belastet ein weit alltäglicheres Phänomen die Gesundheit der Einwohner, wobei es in der Regel keine große Rolle spielt, in welchem Gebäude sie leben oder arbeiten. Die Rede ist vom Autoverkehr, dessen Dichte - wenigstens abseits der Touristenpfade - immer weiter zunimmt und der Stadt bereits einen Spitzenplatz in der Statistik beschert hat. Lothar Martin berichtet:

Die tschechische Hauptstadt Prag ist eine wunderschöne Stadt - für ihre Einwohner wie auch ihre Gäste. Doch die Metropole am Moldaufluss leidet, nämlich am viel zu dichten motorisierten Stadtverkehr. Eine ähnliche Meinung zum zu starken Autoverkehr in Prag hat auch Umweltschützer Miroslav Patrik von der Organisation "Deti zeme" (Kinder der Erde):

"Nun, es besteht sogar die Gefahr, dass die Touristen nicht mehr in Scharen nach Prag kommen werden - in eine Stadt, die voller Autos ist. Es leiden nicht nur die Prager, sondern auch die zahlreichen Kulturdenkmäler, die hier in tausend Jahren entstanden sind. Die Belastung durch den Autoverkehr wird wirklich sehr unterschätzt."

Das finden vor allem die Prager selbst, die sich Tag für Tag mit erhöhten Emissionen und nervtötenden Lärmpegeln herumschlagen müssen. Zum Beispiel an der berühmt-berüchtigten Magistrale, einer mitten durch das Zentrum verlaufenden Hauptverkehrsader.

"Hier herrscht auf jeden Fall ein großer Lärm und ein ebenso großes Durcheinander, vor allem jetzt in der Rush-hour. Es sind wirklich zu viele Autos, und gefährlich ist es auch", sagt ein junger Student, der an der Ampel wartet. Er studiere zwar in der Innenstadt, wohne aber lieber am Stadtrand. "In der Innenstadt möchte ich auf keinen Fall wohnen, schon wegen des Gestanks und Lärms."

Umweltschützer Patrik weiß auch sofort, weshalb Emissionen, Feinstaub und Lärm unserem Wohlbefinden abträglich sind:

"Größere Probleme werden in Großstädten wie Prag vor allem durch die Stickstoffoxid-Emissionen hervorgerufen, die durch die Auspuffgase der Fahrzeuge in die Umwelt geblasen werden. Sie sind nicht selten Auslöser von Lungenreizungen und Atembeschwerden. Beim Feinstaub, so wurde festgestellt, können schon kleinere Mengen krebserregend sein. Und was den nicht enden wollenden Lärm betrifft, so wird anhand von Studien festgestellt, dass bis zur Hälfte der Einwohner von Städten in der Größenordnung Prags dauerhafte Schäden durch die Lärmintensität davonträgt."

Neben den ständigen Auto-, Bus- und Straßenbahngeräuschen hört man in Prag quasi im Minutentakt auch die Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen sowie des Unfalldienstes.

"Das stört mich selbstverständlich. Und es wird immer schlimmer", sagt eine Prager Mutter, während eine junge Gymnasiastin meint:

"Ich bin schon daran gewöhnt."

Das ist sie in der Tat, denn die Generation der zur Wendezeit Geborenen ist mit diesem Lärm bereits aufgewachsen. Das bestätigt auch Miroslav Patrik:

"Nach den Angaben, die uns zur Verfügung stehen, und auch nach dem Eindruck, den man als Prager über die Jahre hinweg bekommt, ist es ganz offensichtlich, dass die Anzahl der Autos seit dem Jahr 1990 enorm gestiegen ist. Die Verkehrsdichte ist sehr hoch. Und Prag hat auch einen Spitzenplatz, was die Anzahl der Autos pro Kopf der Bevölkerung betrifft."

Und zwar den dritten im Vergleich aller europäischen Großstädte. Denn zurzeit sind in der Moldaumetropole rund 800.000 Fahrzeuge registriert, was bedeutet, dass auf jeden Prager im produktiven Alter zwei Autos entfallen. Fürwahr kein Ruhmesblatt, mit dem sich die Stadtväter da zu schmücken haben. Gerade sie stehen auch am meisten in der Kritik, haben sie es doch bisher versäumt, mit einer Parkgebührenordnung á la London den Verkehr der Innenstadt zu minimieren oder mit einem stärkeren Engagement für einen Prager Autobahnring den Transitverkehr von Prag fernzuhalten. Wenn das nicht bald gelingen sollte, wird die "Goldene Stadt" bald in ihrem eigenen Mief verblassen.


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Gesund in Europa - 1
2.4.2006 - Gerald Schubert

Überbordender Autoverkehr: Einer der Hauptverursacher von Luftverschmutzung in den europäischen Ballungszentren - nicht nur in Prag. Im September 2005 unterbreitete die EU-Kommission Vorschläge für eine Strategie der Luftreinhaltung, den Entwurf einer Luftqualitätsdirektive sowie Obergrenzen für Partikel, also so genannten Fein- und Grobstaub. Genau diesen Partikeln wenden wir uns nun im letzten Beitrag dieser Ausgabe von "Gesund in Europa" zu. Und wir werfen dabei einen Blick in den Norden unseres Kontinents, konkret nach Finnland. In Europa zählt Helsinki zwar zu den Hauptstädten mit der saubersten Luft. Aber besonders im Winter und Frühjahr, da hat die Stadt an vielen Tagen ein Partikelproblem. Stefan Tschirpke berichtet:

Vor Ort am Mannerheimtie, der wichtigsten Zufahrtsstraße Helsinkis. Vierspurig schlängelt sie sich durch Häuserschluchten. Ein Wintertag mit trockener Kälte, klarem Himmel, fast Windstille. Superwetter, freut sich der Bürger. Ein tückischer Tag, sagt Professor Matti Jantunen, Experte für Lufthygiene beim Institut für Volksgesundheit.

"Dann atmen wir Luftverunreinigungen ein, die drei- bis viermal so hoch sind wie normalerweise. Sie gehen ganz tief in die Lunge. Die kleineren gehen durch die Blutzirkulation bis in das Gehirn und in das Herz."

Die kleineren heißen Feinpartikel. Sie entstehen dort, wo Verbrennungsprozesse ablaufen: In den Saunaöfen der Sommerhäuschen, im Kamin beim Verbrennen von Birkenholz, und in den Motoren der PKW und Busse, die sich auf dem Mannerheimintie zum Zentrum schieben. Die für das bloße Auge unsichtbaren Feinpartikel sind ein europaweites Übel. Helsinki schneidet dabei, verglichen mit Giftküchen wie Athen oder Rom, noch gut ab. Aber:

"Alles andere in Helsinki ist meistens viel besser. Nur die Grobpartikel an einigen Winter- und Frühlingstagen, wenn es trocken ist...! Es gibt an solchen Tagen viel Staub, die Belastung durch Grobpartikel kann dann sehr hoch sein", sagt Professor Matti Jantunen.

An diesem perfekten Wintertag wird die EU-Höchstgrenze für Grobpartikel in Helsinki weit überschritten. Das passiert nicht sehr oft. Dann ist es allerdings an bestimmten Ecken in Helsinki unerträglich.

Motorenlärm, überlagert von einem hellen Surren der Spikesreifen. Die PKW sind für den Winter gerüstet. Auf den Straßen erscheinen Streufahrzeuge. Im Laufe eines Winters verteilen sie allein in der Region Helsinki rund 30.000 Tonnen Split.

"Die Spikes führen nicht nur zu starkem Asphaltabrieb, sondern zermalen auch den Streusplit. So bildet sich viel Staub. Das Besprühen der Straßen ist das einzige Mittel, um den Staub und damit Grobpartikel einzudämmen. Bei Frostwetter sind wir aber machtlos", erläutert Päivi Aarnio, Forschungsleiterin der Umweltabteilung der Stadt Helsinki.

Die schädlichen Wirkungen von Feinpartikeln sind relativ gut erforscht. Nach einer Studie des EU-Programms "Clear Air for Europe" starben im Jahr 2000 in den EU-Ländern rund 350.000 Menschen vorzeitig an Herz- und Atemorganerkrankungen. Ursache: Feinpartikel. In Finnland wurden rund 1300 vorzeitige Todesfälle nachgewiesen. Grobpartikel werden als weniger gefährlich betrachtet, sind aber auch weniger erforscht. Besonders gefährdet sind Asthmatiker. Sie sollten an Tagen mit hoher Belastung drinnen bleiben und vorsichtig sein. Und die meisten von ihnen tun dach auch.

"Ein Problem besteht darin, dass wir bei den Partikeln und ihren Quellen keine ausreichenden Prioritäten setzen können", sagt Dozent Raimo Salonen vom Institut für Volksgesundheit. "Auch Grobpartikel sind interessant, denn auf ihrer Oberfläche können sich auch Feinpartikel ablagern. Der Straßenstaub kann ein teuflisches Gemisch sein."

Streuen und Autospikes einerseits, Straßenstaub und Partikelproblem andererseits. Die Helsinkier Stadtväter stecken zwischen Baum und Borke. Professor Matti Jantunen, Experte für Lufthygiene, spitzt es auf diese Formel zu:

"Ohne Spikes bekommt man mehr Unfälle. Also, wie will man sterben? Bei einem Autounfall - da ist die Wahrscheinlichkeit etwas größer. Oder von den Partikeln an einem Herzinfarkt? Ich kann es nicht sagen!"

Es gibt Lösungen, betont Dozent Raimo Salonen. Es ginge nicht allein um den Partikelgehalt der Luft, sondern darum, zu verhindern, dass Menschen diesen Partikeln ausgesetzt sind. Entflechtung von Verkehr und Wohnen, autofreie Zonen im Zentrum, verfeinerte Straßensäuberungstechnik, saubere Dieselmotoren.

"Ich vermisse mehr Mut bei den Stadtvätern. Mut zu wenigstens kleinen Schritten, wie sie die Energiewirtschaft beim Abbau ihrer Emissionen erfolgreich gesetzt hat. Das Partikelproblem wird anerkannt, aber vorbeugende Gesundheitsfürsorge stand bei den Entscheidungsträgern noch nie hoch im Kurs."


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