Alterung
Herz und Kreislauf
Anhören 16kb/s ~ 32kb/s 
Ein Vierteljahrhundert für die Gesundheit: Vorzeigeprojekt Nord-Karelien
16.4.2006 - Stefan Tschirpke

Wir starten heute im hohen Norden unseres Kontinents, und zwar in Finnland. Dort wurde in den fünfziger und sechziger Jahren ein rascher Anstieg von kardiovaskulären Krankheiten beobachtet. Besonders hohe Sterberaten durch diese Krankheitsgruppe verzeichnete die Provinz Nord-Karelien. Untersuchungsergebnisse zeigten, dass viele Risikofaktoren mit bestimmten Verhaltensweisen der Nordkarelier zusammenhingen, die tief in ihrer Lebensweise verwurzelt waren - Stichwort Ernährung und Tabakkonsum. 1972 wurde deshalb ein umfassendes Präventionsprogramm in Nord-Karelien gestartet, um die Sterblichkeitsrate durch eine Veränderung des Lebensstils abzusenken. Die Ergebnisse nach 25 Jahren Projektarbeit überraschten selbst Experten. Heute werden wichtige Erfahrungen des Projekts in Finnland angewendet und sind auch international gefragt. Stefan Tschirpke berichtet.

Rückblick. Die 60er Jahre. Nord-Karelien, eine dünn besiedelte Provinz, viel Wald und Landwirtschaft. In dieser Zeit hielt Nord-Karelien einen traurigen Rekord. Die Provinz war international die Region mit den höchsten Sterblichkeitsraten durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

"In fast jeder Familie gab es Herzinfarkte oder Gehirnlähmungen. Risiken wie hohe Cholesterinspiegel, überhöhter Blutdruck und Tabakkonsum waren verbreitet. Die Lebenserwartung der Männer lag weit unter dem Landesdurchschnitt. Die Bevölkerung war beunruhigt. Es wurde gefordert, etwas zu unternehmen", erinnert sich Professor Pekka Puska, Direktor des nationalen Instituts für Volksgesundheit.

Die erste Reaktion des Gesundheitswesens war, das Krankenhausnetz und die kurativen Leistungen auszubauen. Junge Ärzte wie Pekka Puska plädierten für ein anderes Vorgehen:

"Wir waren junge Radikale. Wir forderten Prävention und nicht Korrigieren im Nachhinein. Die bisherige Lebensweise der Nordkarelier begünstigte eindeutig die Risikofaktoren."

Unter Leitung von Puska wurde 1972 das Nord-Karelien-Projekt gestartet. Das Ziel des Projekts war, durch Änderung des Lebensstils die Sterberate durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken. Begonnen wurde ein bis dahin beispielloses Präventionsprogramm in einer Region mit 180.000 Einwohnern.

"Wir veranstalteten Informationsveranstaltungen. Wir besuchten die Leute auf den Agrarhöfen, gingen in Schulen, referierten in Kirchen. Wir diskutierten mit der Lebensmittelindustrie, um gesündere Nahrungsmittel ins Angebot zu bekommen. Parallel wurde gemessen und evaluiert."

Die Arbeit vor Ort war besonders schwierig. Die Gesundheitsbotschafter wurden in den Dörfern mit gemischten Gefühlen empfangen:

"Einerseits waren die Leute für die Hilfe dankbar. Andererseits klangen unsere Thesen bedrohlich. Die Bauern sollten ihren Fettkonsum drastisch verringern. Aber Fleisch, Butter, Milch und Sahne wurden auf den Höfen produziert. Unser Ratschlag 'Nehmt Margarine statt Butter!' klang wie eine Bedrohung ihres Berufs!"

Doch die beharrliche Überzeugungsarbeit zeigte Wirkung. Im Laufe von 25 Jahren konnten die Hauptrisiken - Bluthochdruck, erhöhter Cholesterinspiegel und Tabakkonsum - in Nord-Karelien deutlich zurückgedrängt werden.

"Die Sterberate der Männer im arbeitsfähigen Alter ging um 82 Prozent zurück, die Sterberate der Bevölkerung um die Hälfte. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg um rund sieben Jahre. Die Gesundheit der Bevölkerung hatte sich verbessert."

Die Erfahrungen des Nord-Karelien-Projekts werden heute in einem landesweiten Bevölkerungsprogramm zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen angewendet. Der Herzverband leistet wichtige Basisarbeit. Auch hunderte ausländische Expertendelegationen haben die Erfahrungen studiert.


Anhören 16kb/s ~ 32kb/s 
Kulinarischer Kampf für die Kinder: Jamie Oliver und die britischen Schulküchen
16.4.2006 - Ruth Rach

In britische Schulküchen, so scheint es, haben jene Erfahrungen aber noch kaum Einzug gehalten. Über 90 Prozent der britischen Schulkinder essen mittags in der Cafeteria, Kinder, deren Eltern Sozialhilfe beziehen, müssen nichts dafür bezahlen. Für viele Kinder ist das "school meal" die Hauptmahlzeit, denn in Großbritannien ist die Ganztagsschule die Norm. Umso wichtiger, dass sie in der Pause etwas Vernünftiges zu essen bekommen. Könnte man denken. Weit gefehlt. Britische "school dinners" sind noch schlechter als das Essen im Knast: Dort wird doppelt so viel für die Zutaten ausgegeben. Der Grund: Mangelnde Mittel und mangelnde Bestimmungen, wie eine ausgewogene Mahlzeit aussehen soll. Dies müsse sich ändern, schwor sich der populäre Fernsehkoch Jamie Oliver. Er verbrachte ein Jahr in einer britischen Schule, um die Dinners zu verbessern. Ergebnis: Eine Fernsehserie, von Channel 4 ausgestrahlt, die in der Öffentlichkeit eine kleine kulinarische Revolution auslöste. Ruth Rach aus London:

Er hat Premierminister, Präsidenten und Promis mit seinen kulinarischen Kreationen entzückt, eine ganze Generation neuer Männer in die Küche gelockt, Müttern, Töchtern und Omas den Kopf verdreht. Manche meinen er gäbe einen besseren Premierminister ab als Tony Blair. Und dieses Jahr hielt er sogar eine Weihnachtsansprache im Fernsehen, als Alternative zur britischen Königin: Jamie Oliver, der junge britische Starkoch mit der Wuschelfrisur und dem frechen Mundwerk. Seinem Erfolg schienen keine Grenzen gesetzt. Bis er sich in ein Etablissement wagte, an dem schon viele Erwachsene mit edlen Träumen scheiterten: Die Schule.

"Unsere Kinder haben etwas Besseres zum Essen verdient", sagte Jamie. Den Mist, der jeden Tag schon den Allerkleinsten in Schulkantinen aufgetischt werde, würde er nicht einmal an seinen Hund verfüttern. Britische Schulmahlzeiten sind berüchtigt. Erwachsene erinnern sich mit Schaudern an den zermatschten Kohl, den wässrigen Kartoffelbrei, die Schrumpelwürstchen, die sie Tag für Tag hinunterwürgten.

Die heutige Einheitskost muss den Kindern nicht mehr aufgedrängt werden. Aber: Auch sie ist extrem ungesund. Vor allem in Großbritannien, das in der europäischen Fettsuchtliga an der Spitze liegt, und wo jedes vierte Kind zu dick ist.

"Sie kommen und essen Burger und Fritten", sagt Nora, eine Helferin in einer Kantine Und wenn sie die Schule verlassen, essen sie immer noch Burger und Fritten. Britische Schulen haben es schwer, dem Trend zur Fettsucht gegenzusteuern. Sie wissen: Die Kinder brauchen mehr Bewegung. Die meisten werden zur Schule gefahren. Es gibt zu wenig Sportunterricht. Viele Schulen haben ihre Sportplätze verkauft, um Geld für Lehrmittel flüssig zu machen. Geldnot auch in den Schulkantinen: Eine Mahlzeit darf nicht mehr als 37 Pence - 50 Cent kosten. Schulleiter haben Verträge mit Snack- und Softdrink-Firmen abgeschlossen. Die Vertreiber stellen Automaten mit Süßigkeiten auf. Die Kinder futtern Schokoriegel, die Schulen verdienen mit.

Jamie Oliver nahm sich die Kidbrooke Schule in Greenwich, Südostlondon, vor. Ein Jahr lang schuftete er in der Kantine. Er wollte zeigen, was gutes Essen ist. Ein harter Lernprozess. Nicht nur für ihn.

Jamie zeigte den Kindern zwei Dutzend Gemüsesorten - sie erkannten nur Erbsen. Sellerie, noch nie gesehen. Zucchini, völlig unbekannt. Jamie hielt ein Stück Rhabarber hoch. Ein Kind meinte, das sei eine Kartoffel.

Jamies größtes Problem: die Kinder hatten keine Lust auf gesunde Kost. Und viele Eltern auch nicht. Als Jamie Oliver Gemüsesuppen, Eintopf und Salat aufs Menu setzte, steckten besorgte Eltern Burger und Fritten durch den Zaun. Jamie griff zu allen möglichen Tricks, um sie zu überlisten. Er kreierte Mahlzeiten, die nicht allzu gesund aussahen, ernannte die hartnäckigsten Fritten-Junkies zu seinen Beratern, und zeigte den Klassen, was sich in Favoriten wie "panierten Truthahnstäbchen" wirklich verbirgt: Passierte Innereien mit viel Fett. Damit sorgte Jamie nicht nur bei Schülern für beeindrucktes Gruseln. Seine Kraftausdrücke fanden auch bei Politikern ein offenes Ohr.

Jedes Kind sollte mindestens eine ausgewogene heiße Schulmahlzeit pro Tag bekommen, verkündete plötzlich auch Bildungsministerin Ruth Kelly. Die Regierung versprach Zuschüsse in Millionenhöhe.

Vor über hundert Jahren wurden in Großbritannien die ersten kostenlosen Schulmahlzeiten eingeführt, aber nur für die Allerärmsten. Während des zweiten Weltkriegs wurden alle Schüler umsonst verköstigt, und bekamen täglich ein Glas Milch. In der Nachkriegszeit wurden die Subventionen schrittweise abgebaut. Margaret Thatcher strich schließlich auch die Milchrationen - ein Gewaltstreich, den ihr viele Briten bis heute nicht verzeihen.

Jamie Oliver musste an allen Fronten kämpfen, um Schüler, Eltern, sowie die Dinner Ladies, die Helferinnen in der Kantine, auf seine Seite zu bringen. Sie hatten jahrelang nur tiefgefrorene Pizzas und Burgers in die Mikrowelle geschoben. Viele konnten selbst nicht kochen. Jamie Oliver veranstaltete Campingausflüge und Wochenendkurse, um sie zu schulen.

Jamies Kampagne erregte landesweites Aufsehen. Eltern begannen, Druck auf Schulen auszuüben. Schulen fingen an, Snack-Automaten abzumontieren und auf gesündere Kantinenkost umzustellen. Bleibt zu wünschen, dass der Trend anhält. Aber letztendlich ist das auch eine Frage der Finanzen.


Anhören 16kb/s ~ 32kb/s 
Süßes nur samstags?
16.4.2006 - Alexander Schmidt-Hirschfelder

Die Gesundheit der jungen Generation steht auch in Schweden ganz oben auf der Prioritätenliste. Dennoch leiden immer mehr schwedische Kinder unter Fettleibigkeit und schlechten Zähnen. Daran hat auch eine Initiative nichts geändert, die bereits vor vierzig Jahren eingeführt wurde: "Lördagsgodis" - Samstagssüßigkeiten. Kinder sollten Süßes nur noch einmal in der Woche bekommen. Alexander Schmidt-Hirschfelder hat sich in Stockholm danach umgesehen, was von dem Brauch übrig geblieben ist.

Die vierjährige Lotta bekommt immer, was sie will. Auch unter der Woche. Und Lotta will vor allem eins: Godis. Süßigkeiten sind für das stämmige junge Mädchen mit den glatten, blonden Haaren ein fester Bestandteil der täglichen Nahrung.

Nach Ansicht von Elisabeth Gertell, Chefin einer Stockholmer Zahnklinik, sind die meisten Eltern zwar bemüht, den Godis-Konsum ihrer Kinder zu regulieren, aber:

"Das ist schwer. Wenn ich mit meinen drei Kindern im Supermarkt bin, habe ich das gleiche Problem. An der Kasse liegen die Süßigkeiten in Augenhöhe der Kinder. Und die wollen immer Süßes, sobald sie einmal Geschmack daran gefunden haben."

Aber nicht nur an der Kasse, vor allem an den meterlangen Süßigkeitsregalen kommen die Kinder auf den Geschmack. Aus Dutzenden von Fächern können kleine und große Kunden zwischen neongelben Geleebananen, weißem Schaumgummi oder zellophanverpackten Bonbons wählen. Die Schweden gelten eben seit jeher als Naschkatzen. Kein Wunder, dass Karies und

Fettleibigkeit im Wohlfahrtsstaat schon seit langer Zeit ein Problem sind. Doch das Land, das sich frühzeitig auf die Fahne geschrieben hat, das Wort Volksfürsorge ernst zu nehmen, ersann einen Ausweg. Damit sich wenigstens die Kinder gesund ernähren, wurden in den sechziger Jahren die so genannten Lördagsgodis eingeführt - also Süßes nur samstags.

Eine Zeitlang fruchtete diese Kampagne des staatlichen Instituts für Volksgesundheit. Spätestens, wenn sich ganze Trauben von Kindern vor den Bonbonregalen tummelten, wusste man, dass wieder Samstag ist. Doch der Trend ebbte ab. Wer heute an einem Samstag vor den langen Süßwarenregalen steht, findet dort nicht mehr Kinder vor als sonst.

Schwedens Kinder dürfen offenbar wieder genießen, wann sie wollen. Und das tun sie in gehörigem Maße - zur Freude der Süßwarenindustrie und zum Ärger der Krankenkassen, wie Elisabeth Gertell beklagt:

"Das ist ein brandaktuelles Thema. Sie brauchen nur die Zeitung aufzuschlagen, dann sehen Sie, wie stark unser Gesundheitssystem belastet ist. Die Leute ernähren sich allgemein schlecht. Godis sind da nicht das einzige Problem. Aber natürlich sind es gerade die zuckerhaltigen Nahrungsmittel, die dem Körper schaden."

Der übermäßige Konsum von Süßigkeiten ist nicht das Problem, sondern nur ein Symptom, behaupten wiederum die Verhaltensforscher. Denn Schwedens Eltern nehmen sich einfach zu wenig Zeit für ihre Kinder, meinen sie. In einem Land mit niedrigeren Löhnen als in Deutschland sind oftmals beide Elternteile gezwungen zu arbeiten. Entsprechend knapp ist die Zeit für den Nachwuchs. Nach dem Kindergarten oder nach der Schule sitzen viele heranwachsende Schweden allabendlich stundenlang vor dem Fernseher und schauen Schwedens Sesamstraße "Bolibompa". Dabei schaufeln sie Kiloweise ungesundes Gummizeug in sich hinein.

Süßes als Liebesersatz. Das sei zwar kein typisch schwedisches Problem, wehrt Zahnärztin Elisabeth Gertell ab, räumt allerdings ein:

"Alle Länder haben unterschiedliche Geschmäcker. Und wir Schweden konsumieren eben in großem Maße Süßigkeiten. Ein Problem ist, dass manche Schulkantinen regelrecht zu Konditoreien umfunktioniert sind. Die Kinder kaufen dort eher süßes Zeug als gesundes Essen. Und die Verantwortung dafür tragen wir Erwachsene."

Vom wackeren Prinzip der Lördagsgodis von einst ist nicht mehr viel übrig. Der Begriff hat sich ins Gegenteil verkehrt. Bedeutete er früher noch, dass die jungen Schweden nur am Samstag Süßigkeiten kriegen, so gibt es nun am Wochenende besonders viel Ungesundes.


Anhören 16kb/s ~ 32kb/s 
Tschechien: Pionier in der Infarktbehandlung?
16.4.2006 - Thomas Kirschner

Aus dicken Kindern werden oft dicke erwachsene, frühzeitig erworbenes Übergewicht kann zur lebenslangen Hypothek werden und irgendwann zu chronischen Erkrankungen führen - oder zu akuten Infarkten. Wir kommen nach Tschechien: Über das tschechische Gesundheitswesen wird derzeit viel gestritten. Die Krise ist aber vorwiegend eine finanzielle - fachlich kann die tschechische Medizin im internationalen Vergleich durchaus mithalten. Und in einigen Bereichen ist sie sogar führend. So zum Beispiel bei der Behandlung von Herzinfarkten. Für Radio Prag berichtet Thomas Kirschner.

Bei einem Herzinfarkt so schnell wie möglich ins nächstgelegene Krankenhaus: Diese scheinbar selbstverständliche Regel gilt in Tschechien seit einigen Jahren nicht mehr. Und das mit großem Erfolg. Statt der klassischen medikamentösen Thrombolysebehandlung im Krankenhaus um die Ecke werden Infarktpatienten in Tschechien inzwischen in eines der derzeit 22 Herzzentren des Landes gebracht, teils über große Entfernungen. Hier sind die teuren Geräte für eine so genannte Angioplastik vorhanden - die verstopfte Ader wird dabei mit einem aufblasbaren Ballonkatheder dauerhaft geweitet.

Eine tschechische Studie hat vor acht Jahren erstmals eindeutig die Überlegenheit dieser Strategie gezeigt, erklärt der Prager Herzspezialist Prof. Jaromir Hradec. Bis dahin galt für Infarktpatienten Ruhe als das oberste Gebot:

"Der wissenschaftliche Beirat des Gesundheitsministeriums hat anfangs keine Erlaubnis für die Studie erteilen wollen, da er den Transport von Infarktpatienten als Hasardspiel mit Menschenleben ansah. Die Studie hat aber eindeutig ergeben, dass es das Beste ist, die Infarktpatienten mit einen Rettungswagen so schnell wie möglich in ein Krankenhaus zu bringen, in dem unmittelbar ein Herzkatheder gelegt und eine Angioplastik durchgeführt werden kann. Das ist das Beste für den Kranken und gibt ihm die größte Chance."

Trotz des kritischen Transportes: Im Vergleich zur klassischen Therapie sinkt für die Infarktpatienten das Risiko, innerhalb der ersten 30 Tage an dem Infarkt zu sterben oder einen erneuten Gefäßverschluss zu erleiden um 45 Prozent. Folge der Studie: die Infarktbehandlung wurde in Tschechien komplett umgekrempelt, es entstand ein flächendeckendes Netz von 22 Herzzentren, die von allen Orten des Landes in maximal einer Stunde zu erreichen sind. Tschechien weist damit weltweit eines der modernsten Systeme für die Infarktbehandlung auf:

"Heute werden in Tschechien fast 90 Prozent der Patienten mit akutem Infarkt in die Herzzentren gebracht und mit einem Herzkatheder behandelt. Im Vergleich zu anderen Ländern ist das um ein vielfaches mehr, da bewegen sich die Zahlen zwischen sieben und dreizehn Prozent."

Trotz aller Verbesserungen bei der Behandlung: Der Herzinfarkt bleibt auch in Tschechien weiter eine der häufigsten Todesursachen. Von den jährlich 20.000 tschechischen Infarktpatienten sterben etwa 7.000.


Anhören 16kb/s ~ 32kb/s 
Bewegung und Spaß in der Herzgruppe
16.4.2006 - Susanne Henn

Auch in Deutschland sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer noch Todesursache Nummer eins. Wie eingangs erwähnt: Fast die Hälfte aller Todesfälle in der Bundesrepublik lässt sich darauf zurückführen. Erst an zweiter Stelle folgen die Krebsleiden. Die Gründe für Gefäßerkrankungen sind vielfältig, aber viele davon lassen sich eben auf ungesunde Lebensgewohnheiten zurückführen und wären vermeidbar. Neben den primären Risikofaktoren wie beispielsweise Rauchen oder Diabetes spielen auch falsche Ernährung und Bewegungsmangel eine große Rolle. Nicht nur bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch bei der Rehabilitation. Viele deutsche Herzpatienten sind deshalb Mitglied einer so genannten "Herzgruppe". Was genau das ist, erklärt Susanne Henn von der Deutschen Welle.

Den Puls in Schwung bringen, das ist an diesem frühen Dienstagmorgen das Ziel in der Trainingshalle sieben der Deutschen Sporthochschule in Köln. Allerdings bewegen sich hier keine Sportstudenten zu den Klängen der Musik, sondern elf Menschen im Rentenalter, allesamt Mitglieder einer so genannten "Herzgruppe". Sie gehen rhythmisch im Kreis, schwingen Arme und Beine nach vorn und sehen dabei sehr fröhlich aus. Allein das häufige Pulsmessen und die Tatsache, dass vor der Hallentür eine Ärztin bereit sitzt, deuten darauf hin, dass es sich hier um Herz-Kreislaufkranke in der Rehabilitation handelt. Einer davon ist Herbert Over, 71 Jahre alt und seit einer Bypass-Operation im Jahr 1999 dabei:

"Ich hab' damals geglaubt, das war's. Dass ich noch mal so laufen und Ball spielen kann, das hab' ich mir nicht mehr vorstellen können."

Über 6.000 Herzgruppen gibt es mittlerweile in Deutschland. Und dort werden bundesweit über 100.000 Patienten von qualifizierten Übungsleitern und Ärzten angeleitet. Bewegung zur Musik, Koordination, Muskelaufbau - die 90 Minuten Training gehen schnell vorüber. Die Stimmung ist locker, die Patienten fühlen sich sichtlich wohl. Hella Simons ist 69, hat seit fünf Jahren eine neue Herzklappe und ist fast genauso lange in der Sportgruppe dabei. Ihr Mann hat sie gegen ihren Willen angemeldet, heute ist sie ihm dankbar:

"Also früher, hab' ich zwar meine Gymnastik gemacht, aber gedacht 'Och, jetzt muss ich schon wieder hingehen'. Und jetzt freue ich mich, es ist immer besser geworden, allein durch die Freude daran."

Und fitter werden die Teilnehmer ganz sicher in der Herzgruppe, bekräftigt Fritz Kolb, auch schon seit sechs Jahren dabei:

"Ich bin mindestens genauso gut in Form wie vor meiner Geschichte, also vor Herzinfarkt und Bypassoperation."

Heute schafft der 76-jährige wieder locker einen 30-minütigen Fußmarsch.

Lebenslange Rehabilitation ist das Ziel der Herzgruppen. Hier an der Deutschen Sporthochschule wurden sie 1974 als Modellprojekt eingerichtet. Dieses "Kölner Modell" der ambulanten Herzgruppen war prägend für die Herzgruppenarbeit in ganz Deutschland, denn es wurde erforscht, welchen Einfluss körperliche Aktivität hat, und welche Übungen und Belastungsformen geeignet sind. Bewegung ist sehr wichtig in der Rehabilitation, erklärt Birna Bjarnason-Wehrens, promovierte Sportwissenschaftlerin und zuständig für die Herzgruppen an der Sporthochschule:

Je nach Krankheitsbild, Lieblingssport und Fitnesslevel werden die Patienten in verschiedene Gruppen eingeteilt. Die Krankenkassen subventionieren die Teilnahme für die ersten ein bis zwei Jahre, danach zahlen die Teilnehmer 175 Euro im Halbjahr. Aber Fritz Kolb und Herbert Over bereuen diese Ausgaben nicht:

"Jetzt bezahle ich das ganz, aber das ist einem die Gesundheit ja wert!"

"Hier gibt's was zu lachen und vor allem die Bewegung. Die Bewegung ist das A und O bei der ganzen Geschichte."

Und dann ist die Dienstagsstunde auch schon wieder vorbei. Aber am Freitag geht's wieder weiter, mit Bewegung in der Herzgruppe.


Project partners: