Grenzenlos
Die Alterung der Gesellschaft
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Natürliches Gleichgewicht nicht in Sicht
30.4.2006 - Gerald Schubert

Gleich zu Beginn geht es für einen Sprung ins Herz der Europäischen Union, nach Brüssel. Der ehemalige tschechische Premierminister Vladimir Spidla ist heute EU-Kommissar für Arbeit und Soziales. Immer länger leben mit immer weniger Kindern ist längst ein EU-weites Phänomen, sagt Spidla:

"Vielleicht gibt es kein europäisches Land, das diesbezüglich im Gleichgewicht ist. Für ein natürliches Gleichgewicht braucht man 2,1 lebend geborene Kinder pro Frau. Ich kenne kein Land, wo es das gibt. In Frankreich beträgt diese Zahl ungefähr 1,9. Das ist ziemlich gut. Aber alle anderen Länder sind in einer schwierigeren Lage."

Sozialpolitische Konzepte wie höhere Familienbeihilfe oder ein besseres Netz von Kinderbetreuungseinrichtungen können hier zwar bedingt gegensteuern. Die Richtung, die unsere Gesellschaft nimmt, die ist für Vladimir Spidla aber klar:

"Europa wird allmählich älter. Wir rechnen zum Beispiel damit, dass im Jahr 2030 die Zahl der Menschen, die älter als achtzig Jahre sind, dreimal so groß sein wird wie jetzt. Und es werden ungefähr 20 Millionen Arbeitskräfte fehlen."

Wird also in Zukunft auch vermehrte Migration nach Europa nötig sein, um diese schwindenden Humanressourcen auszugleichen? Eine politisch überaus heikle Frage. Zunächst aber stehen wir vor der Herausforderung, das Alter selbst neu zu definieren. Denn die Zahl der Rentner wächst. Und mit ihnen auch die Zahl derer, die zwar in bestimmten Bereichen Betreuung brauchen, sich insgesamt aber noch lange nicht zum alten Eisen zählen.


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Zu Besuch im Gerontologischen Zentrum in Kobylisy
30.4.2006 - Martina Schneibergová

Kommen wir von Brüssel nach Prag, in die tschechische Heimat von EU-Kommissar Spidla. Ältere Patienten vielfältig zu fördern, um ihnen wenigstens teilweise ein selbständiges Leben zu ermöglichen, das ist dort Aufgabe eines Gerontologischen Zentrums, in dem sich Martina Schneibergova umgesehen hat:

Es liegt fast am Stadtrand von Prag, im Stadtteil Kobylisy, ist aber bequem zu erreichen: Das Gerontologische Zentrum befindet sich an der Endhaltestelle der Buslinie, in einem einstöckigen Haus inmitten einer kleinen Parkanlage. Gleich am Eingang merkt man, dass in diesem Gebäude keine sterile medizinische Einrichtung untergebracht ist. Vielmehr erinnert alles hier an eine Art Klub. Das Zentrum hat zwei kleinere Abteilungen für stationäre Aufenthalte mit mehr als 40 Betten, die für die Rehabilitation von Patienten nach Operationen und Unfällen bestimmt sind. Außerdem gibt es im Zentrum auch eine Tagesstätte, erzählt seine Leiterin und Chefärztin Iva Holmerova:

"Die Tagesstätte dient Patienten, die an der Alzheimer-Erkrankung oder an anderen Demenzformen leiden. Es handelt sich um Menschen, die 24 Stunden lang jemanden brauchen. Sie werden von ihrer Familie zu Hause betreut, und wir kümmern uns um sie während des Tages. In der Tagesstätte, die von 6.30 bis 18.30 geöffnet ist, werden Programme und Aktivitäten angeboten, die den Gesundheitszustand dieser Patienten verbessern sollen."

Dr. Holmerova lobt die Zusammenarbeit mit dem Stadtbezirk, der Träger der Einrichtung ist. Weil die Population in ganz Europa immer älter wird, müssen auch neue Formen der Altenpflege erschlossen werden, meint sie:

"Unsere Philosophie besteht nicht nur darin, Dienste anzubieten. Wir wollen die Senioren auch aktivieren. Es ist eine Herausforderung für sie, über die Entwicklung der Dienste mit zu entscheiden. Damit befasst sich ein Projekt, das aus dem Europäischen Sozialfonds mitfinanziert wird. Wir entwickeln dabei Programme, um künftige Organisatoren auszubilden, oder diejenigen, die sich an der Heimbetreuung beteiligen werden. Außerdem organisieren wir auch eine Dienstbörse sowie ein Internetcafe für Senioren."

Die Bürgerinitiative "Gema", die sich auf Aktivitäten für Senioren konzentriert, hatte das Senioren-Internetcafe ins Leben gerufen. "Gema" hat ihren Sitz ebenfalls hier im Zentrum. Am Nachmittag sind alle Computer besetzt, einige Interessenten warten im Nebenraum bei einer Tasse Kaffee auf einen freien Platz. Die Internetcafes, die es auch in anderen Zentren gibt, sind unglaublich populär, sagt Lucie Forstova. Die junge Frau ist seit sieben Jahren lang bei "Gema" tätig. Für die Cafebesucherinnen und -besucher ist sie "die gute Seele", die bei der Umsetzung ihrer Ideen Phantasie und Eifer bewiesen hat.

Lucie Forstova erinnert an eine weitere beliebte Veranstaltung:

"Im Rahmen von 'Gema' organisieren wir seit sechs Jahren auch Tanzstunden für Senioren. An einem zehnwöchigen Zyklus nehmen immer 80-100 Menschen teil. Das Interesse ist sehr groß. Der Preis ist günstig - 30 Kronen, also etwa ein Euro, für zweieinhalb Stunden."

Ein Absolvent der Akademie der musischen Künste, von Beruf Choreograf, beschäftigt sich mit der Tanztherapie, und einen Berufsmusiker gibt es im Zentrum auch.

Viele Menschen sind auf Ausflügen, die Lucie Forstova etwa sechs Mal im Jahr organisiert, mit der "Gema" in Kontakt gekommen und begannen später, selbst mitzuarbeiten. So wie Emilie Machova, die vor fünf Jahren einmal mitgefahren ist und seitdem regelmäßig Cafe kommt, das im Zentrum eingerichtet ist:

"Im Sommer bei gutem Wetter können wir die Tür zur Terrasse öffnen, und uns dort nach dem Mittagessen zum Kaffee an die frische Luft setzen. Jeder, der Interesse hat, kann kommen. Wir sind froh, wenn wir uns sehen können, weil wir nicht wissen, ob wir das nächste Mal wieder alle zusammentreffen."


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Gemeinsam statt einsam: Die Seniorenhaltestelle
30.4.2006 - Stefan Tschirpke

Gemeinsam gegen das Alleinsein im Alter. Wir kommen nach Finnland. Dort wird psychosoziale Gruppentherapie erfolgreich genutzt, um Senioren vom intensiven Empfinden von Einsamkeit zu befreien. Die Organisation Helsinkimissio, eine christlichen Werten verpflichtete Sozialeinrichtung, bietet Senioren unter dem Namen "Seniorenhaltestelle" Gruppentherapien in Helsinki, Tampere und Turku. Untersuchungen zeigen, dass die Gruppentherapie nicht nur das Problem der Einsamkeit lösen hilft, sondern auch die allgemeine Gesundheit der Senioren verbessert. Künftig sollen nach dem Modell der "Seniorenhaltestelle" Gruppentherapien landesweit angeboten werden. Auch im Ausland haben die positiven Erfahrungen Interesse geweckt. Stefan Tschirpke berichtet:

"Einsamkeit ist ein schlimmes Gefühl. Ich fühlte mich beklemmt und hatte sogar Schmerzen", sagt Rauni Korja, knapp 70, eine zierliche, lebhaft wirkende Seniorin. Korja ist seit ein paar Jahren Rentnerin, aber an den Ruhestand konnte sie sich nie gewöhnen:

"Ich war Hebamme und die Arbeit hat mich ausgefüllt. Mit dem Ruhestand komme ich nicht zurecht. Einsamkeit ist für mich ein Gefühl von Nutzlosigkeit."

Korja ist kein Einzelfall unter älteren Finnen. Studien zufolge empfinden vier von zehn Senioren zeitweise Einsamkeit. Jeder zehnte Senior leidet ständig darunter. Kaisu Pitkälä, Fachärztin für Geriatrie in Helsinki:

"Viele Dinge können dazu führen, dass sich der Senior in seinem Zuhause einsam fühlt: Tod der engsten Verwandten und Freunde, Krankheiten, Nachlassen der physischen Leistungsfähigkeit."

Pitkälä ist Forschungsleiterin beim Zentralverband für Altersfürsorge und bearbeitet ein Forschungsprojekt über die therapeutische Behandlung von Einsamkeit. Sie unterstreicht, dass Einsamkeit keine Krankheit sei, aber krank machen könne:

"Senioren, die sich einsam fühlen, leiden zum Beispiel eher an Altersdemenz. Ihre physische Leistungsfähigkeit nimmt schneller ab, ihre Lebenserwartung kann niedriger sein."

Vor Ort in der Helsinkimissio, einer christlichen diakonischen Einrichtung, die sich auch um Altersfürsorge kümmert. Bereits Ende der 90er Jahre erkannte man hier die Dringlichkeit des Problems Einsamkeit. Der stellvertretende Geschäftsführer Ari Marjovuo:

"Hilfe ist dafür schwer erhältlich. Polikliniken für Alterspsychiatrie gibt es nur in ein paar Städten. Andere Kliniken sind überfordert, die Gesundheitszentren überlastet."

Marjovuo startete deshalb im Jahre 2001 die "Senioripysäkki", zu Deutsch "Seniorenhaltestelle" - eine psychosoziale Gruppentherapie für Senioren ab 60, die sich auf das Problem der Einsamkeit konzentriert. Zwei Therapeuten betreuen derzeit neun Gruppen. Die älteste Teilnehmerin ist 92 Jahre alt.

"In der Gruppe sollten Gefühle und Erlebnisse mit anderen geteilt werden. Dies gehört zu den wichtigsten Erfahrungen. Das Sich-Öffnen gegenüber der Gruppe ist ein schwieriger Prozess."

In einem Raum stehen acht bequeme Stühle im Kreis. An der Wand eine Reproduktion von Paul Klee, eine stehen gebliebene antike Uhr, eine tickende moderne Uhr. Symbole für Vergangenheit und Gegenwart, sagt Therapeutin Irene Tummavuori:

"In einigen Gruppen nähern wir uns der Einsamkeit über spezielle Themen: Schreiben, Malerei oder Fotografie. Beim gemeinsamen Betrachten alter Fotos zum Beispiel werden Geschichte, Erinnerungen, das eigene Leben aktiviert."

Eine Therapiegruppe der Helsikimissio wurde von Kaisu Pitkälä in einem Forschungsprojekt begleitet und analysiert. Die positiven Resultate überraschten. Nicht nur, dass zwischen den Senioren zahlreiche feste Bekanntschaften entstanden und auch nach der Therapiezeit hielten. Auch ihr allgemeines Wohlbefinden verbesserte sich. Im Vergleich zu einer Referenzgruppe nahmen die Teilnehmer seltener einen Arzt in Anspruch:

"Einsame Menschen leiden häufig an psychosomatischen Symptomen. In der Geborgenheit der Gruppe fühlt sich der Senior verstanden und akzeptiert. Die Schmerzen verschwinden."

Die erfolgreiche Gruppentherapie der Helsinkimissio hat sich unter Senioren im Großraum Helsinki herumgesprochen. Die Nachfrage ist groß. Zwei bis drei Monate wartet man auf einen Gruppenplatz. Rentnerin Rauni Korja ist froh, Hilfe bekommen zu haben.

"Ich habe noch viele Freunde aus der Gruppe. Oft erkundigt sich jemand, wie es mir geht oder was ich gerade mache. Man spürt, dass man so wie man ist akzeptiert wird. Das ist ein schönes Gefühl."


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Staat oder privat? Altersversorgung in der Slowakei
30.4.2006 - Marika Adamovska

Lange Wartelisten, die gibt es auch für Seniorenheime in der Slowakei. Vom Staat wird zwar die Betreuung in Familien gefördert, der Betreuer erhält 6.000 slowakische Kronen monatlich. Den Familienmitgliedern scheint dieser Einkommensausgleich aber meist zu niedrig - das Mindestgehalt in der Slowakei beträgt nur um 900 Kronen mehr. Fazit: Die bestehenden Heime der Sozialfürsorge sind voll. Marika Adamovska aus Bratislava:

"Es ist schwer zu glauben, dass die Heime ohne eine Wartefrist funktionieren könnten. Denn man hat eine bestimmte Kapazität und versucht sie auszunutzen. Man darf aus ökonomischen Gründen keine freien Plätze haben. Die Klienten können denselben Aufnahmeantrag aber in mehreren Heime stellen. Die Zahl der Wartenden spiegelt also die Situation bestimmt nicht genau wider", sagt Marta Hokinova, die Leiterin des Altersheimes mit Sozialpflege in der Altstadt von Bratislava, über die Warteliste mit 35 Menschen.

Diese bewerben sich um ein Bett im Altersheim für 70 Senioren, das von dem Stadtteil eingerichtet wurde. Bei den Rentnern auf der Warteliste wird außer der Reihenfolge auch berücksichtigt, ob sie ohne fremde Hilfe in Kontakt mit der Umgebung treten können. Trotzdem verfüge die Slowakei laut Marta Hokinova über eine ausreichende Struktur an Heimen der Sozialfürsorge:

"Es gibt von Kirchen gegründete Heime, private, nicht gewinnbringende Organisationen, und es gibt Heime, die von der Gemeinde, der Hauptstadt oder einer höheren Gebietseinheit eingerichtet wurden. Ich glaube, dass die Auswahl reich ist. Es kommt darauf an, wie viel Geld der Kunde zur Verfügung hat. Die Höhe der Gebühren für den Aufenthalt in unserer Einrichtung geht aus der allgemeinverbindlichen Verordnung der Gemeinde hervor. Es werden dabei auch Zimmertyp, Verpflegung und Art der Pflege in

Betracht gezogen. Nur 23 Prozent der Gesamtkosten werden von den Kunden gedeckt. Diese Summe beträgt ungefähr 200 - 210 slowakische Kronen pro Tag und Person. Es wird dabei immer die Rente der Kunden berücksichtigt. Laut Gesetz müssen den Rentnern 20 Prozent gemessen an der Höhe des Existenzminimums zur Verfügung stehen. Das sind 946 slowakische Kronen - etwa 25 Euro."

Im privaten Heim Privilegium in Bratislava werden keine Wartelisten geführt. Die Interessenten werden danach beurteilt, wie dringend sie untergebracht werden müssen. Die Managerin des Heimes, Barbara Bartovicova, füllt mit den Anträgen bereits den dritten Aktenordner. Die privaten Heime seien Barbara Bartovicova zufolge etwas teurer als die öffentlichen. Neben dem Essen, der Unterkunft und dem 24-stündigen Pflegedienst bezahlen die Kunden auch die psychologische Beratung. Das wird den Senioren auch im öffentlichen Heim angeboten. Die private Einrichtung habe jedoch einen Vorteil - sie ist so eingerichtet, dass sich der Kunde dort wie zu Hause fühlen könne, meint Barbara Bartovicova. Laut ihr ist es erforderlich, weitere Heime der Sozialfürsorge zu errichten. Im Moment wird eines für 180 Menschen eingerichtet. Der Staat dagegen plant keine neuen Anstalten zu gründen, obwohl das Ministerium für Arbeit, Soziales und Familie Einrichtungen für den Tagesaufenthalt oder so genannte Kindergärten für ältere Menschen vermisst.

Laut Marta Hokinova vom Altersheim in der Altstadt können sich viele Familien nicht leisten, ihre Verwandten zu betreuen. Wo sollen sie aber gepflegt werden? Zieht man nur die schwer gesundheitlich behinderten Familienmitglieder ab 65 Jahren in Betracht, so sollten ihnen 25.000 Betten in Heimen der Sozialfürsorge zur Verfügung stehen. Um diesen Bedarf zu decken, müsste die private Gesellschaft Privilegium nicht eines, sondern etwa 138 Heime für 180 Personen bauen lassen.


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Zu Hause, so lange wie möglich?
30.4.2006 - Ruth Rach

Weniger Heime, mehr Heimbetreuung. Mit anderen Worten: Alte Menschen sollen wo es nur geht zu Hause leben, zu Hause gepflegt und versorgt werden. Das ist - in groben Zügen - das britische Konzept für den Umgang mit Senioren. Dahinter steckt aber oft weniger die Politik als vielmehr die Initiative privater Vereine, wie Ruth Rach aus London berichtet:

An der Rezeption eines Krankenhauses in Südlondon steht ein aufgebrachter Herr. Was ist mit meiner Tante geschehen, will er wissen. Wochenlang war die alte Dame in einem großen Krankensaal untergebracht worden, obwohl sie sich schon lange von ihrer Operation erholt hatte. Jetzt wurde sie verlegt, vorerst in ein Pflegeheim im Norden von London. Ihr Bett sei dringend benötigt worden. Aber: Sobald ihre Versorgung zuhause organisiert sei, werde sie entlassen.

Wie ältere Menschen in Großbritannien betreut werden, hängt von der jeweiligen Kommune bzw. Region ab. Seit den 80er Jahren sind zahlreiche Altenheime und Tagesstätten geschlossen worden; das hat den Druck auf die ohnehin knappen Betten in Krankenhäusern und auf den Nationalen Gesundheitsdienst überhaupt verstärkt. Aber trotz aller finanziellen Zwänge schneidet Großbritannien im Vergleich zu Deutschland in punkto Altenpflege besser ab, sagt der Arzt Markus Simmgen. Er stammt aus Deutschland, arbeitet aber schon seit 15 Jahren im britischen Gesundheitswesen:

"Also mir scheint, hier gibt es eine bessere Chance, länger daheim gepflegt zu werden. Die Koordination des Systems ist meiner Meinung nach ziemlich ausgeklügelt, und es gibt hier ein sehr breites Spektrum von Möglichkeiten, um die Menschen davor zu bewahren, ins Altenheim oder immer wieder ins Krankenhaus zurückgehen zu müssen."

Wohltätigkeitsvereine spielen oft eine entscheidende Rolle. Sie organisieren Essen auf Rädern, holen die Wäsche ab, veranstalten Ausflüge. Manche werden von den Kommunen bezahlt, andere arbeiten umsonst oder für Billiglöhne. In Großbritannien gibt es eine lange Tradition und ein ausgedehntes Netz karitativer Organisationen. Kritiker sagen, ohne sie bräche die soziale Versorgung mancherorts zusammen. Die britische Regierung verlasse sich zu sehr auf die Arbeit von Freiwilligen. Alte Menschen sind dankbar. Sie fragen nicht, woher die Hilfe kommt.

Hausärzte haben bei der Betreuung älterer Menschen in der Gemeinde ebenfalls eine wichtige Funktion. Jeder Allgemeinpraxis sind Krankenschwestern zugeordnet, die Routineuntersuchungen durchführen, aber auch für regelmäßige Hausbesuche zuständig sind. Sie wechseln Verbände, überprüfen den Blutdruck, kontrollieren die medikamentöse Versorgung und nehmen dem Arzt viel Arbeit ab.

Trotz aller Bemühungen, alten Menschen ein selbstständiges Leben zu ermöglichen: Jeder fünfte Brite, der über 85 Jahre alt ist, wird entweder im Krankenhaus oder in einem Heim betreut.

Auch bei der Versorgung schwerkranker Menschen in Großbritannien hat Dr. Simmgen Unterschiede zu Deutschland ausgemacht:

"Die Hospizbewegung hat hier in England ihre Ursprünge. Sie ist jetzt natürlich weit verbreitet. Aber hier sind spezielle Teams, die sich mit den Sterbenden beschäftigen, Gang und Gäbe. Das gibt es in jedem Krankenhaus. Im Verhältnis zu Deutschland werden auch Morphinpräparate hier wesentlich einfacher ausgegeben. Nicht unangemessener! Aber ich haben den Eindruck, dass die Leute hier doch bessere Schmerzbekämpfung erhalten, weil es einfach kein so großes Problem ist, die entsprechenden Medikamente zu verschreiben."

Aber auch in Großbritannien werden die Ressourcen immer knapper. Die Zahl der Rentner dürfte in den nächsten 25 Jahren von 11 auf 15 Millionen wachsen - das entspräche einem Viertel der Bevölkerung. Experten fordern eine Erhöhung des Rentenalters auf 70 Jahre. Der britische Gewerkschaftsdachverband widerspricht: Wenn mehr Briten im arbeitsfähigen Alter arbeiten würden, wären derartige Maßnahmen überflüssig.


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