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Medizin und Ethik
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Sprachloses Leiden in Gesundheitsfabriken
28.5.2006 - Gerald Schubert

Gleich zu Beginn wollen wir Maximilian Gottschlich das Wort geben, einem Kommunikationswissenschaftler, der in seinem Fachgebiet einen Schlüssel zur Beantwortung wichtiger medizinethischer Fragen sieht. Wir haben ihn im Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien besucht:

Herr Professor Gottschlich, Sie sind Kommunikationswissenschaftler, beschäftigen sich unter anderem intensiv mit Fragen der Ethik in der Massenkommunikation, wenden sich aber auch einem Gebiet zu, das eigentlich hauptsächlich mit interpersoneller Kommunikation zu tun hat - nämlich der Medizin. Wo sind da die Schnittstellen, und wo herrschen Ihrer Meinung nach die Defizite?

"Es gibt eine Kluft zwischen dem rasanten medizintechnologischen Fortschritt und der gleichzeitig abnehmenden Fähigkeit und Bereitschaft der Medizin, sich noch mit dem Individuum, mit dem leidenden Menschen auseinander zu setzen. Die einzige Chance, diese Kluft zu überbrücken, besteht darin, dass sich die Medizin ihrer kommunikativen Aufgabe bewusst wird. Ein Mensch, der leidet, hat einen sehr hohen Kommunikationsbedarf. Die Antwort des Medizinsystems auf den Menschen ist heute eine der Kundenbeziehung. Aber der kranke Mensch braucht nicht Kundenfreundlichkeit, sondern menschliche Zuwendung, empathische Kommunikation. Nun gibt es sehr viele Argumente, warum das nicht gelingen kann. Ein Hauptargument der Ärzte oder des Medizinsystems besteht darin, dass die Zeit nicht ausreicht. Und mit der knappen Zeit geht auch das ökonomische Argument einher. Man sagt, dass die personelle Zuwendung zwischen Arzt und Patient ineffizient ist, weil sie der ökonomischen Rationalität nicht entspricht. Man könne nicht Zeit verwenden für etwas, das man nicht messen kann. Nun zeigen aber alle internationalen Untersuchungen, die wir uns angesehen haben, dass Patienten, die zufrieden sind, die eine positive kommunikative Zuwendung erfahren haben, auch schneller gesund werden und schneller das Krankenhaus verlassen können. Auch die operativen und postoperativen Verläufe sind dann rascher. Das heißt: Positive Kommunikation ist in der Tat auch ein positiver ökonomischer Faktor, der viele Kosten des Gesundheitssystems zu mindern hilft."

Wie könnte man aus diesem Teufelskreis herauskommen? Bleibt alles am Goodwill der Ärzte hängen und an ihrer Fähigkeit, mit den Patienten zu kommunizieren? Oder sehen Sie auch systematische Lösungen, sei es in der Politik, in der Gesetzgebung oder in der Ausbildung von Ärzten?

"Ehrlich gesagt: Von der Politik erwarte ich mir am allerwenigsten. Ich glaube, es muss zu einem neuen Bündnis zwischen Ärzten und Patienten kommen. Interessanterweise zeigt sich ja, dass die Enttäuschung über das Medizinsystem auch von den Ärzten selbst geteilt wird. Heute ist es so, dass jeder zweite deutsche Arzt nicht mehr Arzt werden wollte. Warum wohl? Nicht, weil er seinen Beruf verfehlt oder weil die Motivation nachgelassen hat, sondern weil das Medizinsystem ein inhumanes geworden ist. Die einzige Chance besteht darin, dass sich Patienten und Ärzte zu einer neuen Solidaritätsgemeinschaft zusammenfinden."


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Geschäft mit Furcht und Hoffnung
28.5.2006 - Teodora Mihalcescu

Eine Solidaritätsgemeinschaft zwischen Patienten und Ärzten, eine solche scheint auch in Rumänien noch in recht weiter Ferne zu sein. Teodora Mihalcescu hat mit der jungen Ärztin Mihaela Tanase gesprochen, die eine kleine Privatklinik in Bukarest betreibt:

Ich habe einige Ärzte getroffen, die sowohl in einer Staatsklinik als auch in einer privaten Klinik arbeiten. Wenn ein Patient zu einer Klinik geht, die vom Staat finanziert wird, dann sagt der betreffende Arzt oft: Hier haben Sie meine Privatnummer, kommen Sie das nächste Mal in meine Praxis. In Rumänien zahlen wir 6,5 Prozent unseres Gehalts für das Gesundheitswesen - die so genannte Krankenversicherung. Warum eigentlich, wenn wir den Arzt oder die Arzneimittel dann letztlich sowieso selbst bezahlen?

"Ich habe mir diese Frage auch oft gestellt, denn das System funktioniert bei uns nicht. Ich weiß, dass es viele Ärzte gibt, die ihre Patienten aus den Staatskliniken in die eigenen Kliniken locken."

Je kränker eine Person, desto besser für den Arzt. Kennen Sie Ärzte, die ihre Patienten für krank erklären, damit diese öfter zu ihnen in die Klinik kommen?

"Ich bin davon überzeugt, dass es auch solche Ärzte gibt. Die Frage ist, was sie in dieser Branche suchen. Das sind Leute, die mit der Medizin eigentlich nichts im Sinn haben und diese nur als Geschäft betrachten."

Zeigt ein Arzt in einer privaten Klinik mehr Interesse als in einer vom Staat finanzierten?

"Wenn ein Arzt sich wirklich seinem Beruf widmet, dann strengt er sich immer gleich an, egal wo er arbeitet. Das hängt also vom Charakter des Arztes ab. Wenn er seinen Beruf liebt, wenn die Medizin seine Leidenschaft ist, dann wird er an den Patienten in beiden Kliniken das gleiche Interesse zeigen und alle gleich gut behandeln."

Glauben Sie, dass die Ärzte die Kranken ausnutzen, um mehr Geld zu verdienen?

"Ich habe sogar gehört, dass es Ärzte gibt, die ganz genau wissen, dass einem Patienten nicht mehr zu helfen ist. Und trotzdem rufen sie ihn immer wieder in die Klinik und machen ihm falsche Hoffnungen."


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Gentechnik: Stille Debatte in Tschechien
28.5.2006 - Jitka Mládková

Hoffnungen setzen viele Kranke auch in neue medizinische Entwicklungen, in Technologien, die noch vor wenigen Jahren fast unvorstellbar waren. Doch eigentlich: Vorstellbar sind sie für die meisten Menschen auch heute nicht - viel zu abstrakt ist das Feld, auf dem sich die Apparatemedizin mittlerweile bewegt. "Nein ..., Weiß ich nicht..., Weder gehört noch gelesen..." Das sind die häufigsten Antworten von Passanten, die man etwa im Prager Stadtzentrum danach fragt, ob sie etwas über die neue Regelung zur Stammzellforschung wissen. Man könnte meinen, die tschechische Stammzellforschung wiege sich im Dornröschenschlaf, aus dem sie erst ein Gesetzeskuss so richtig wachrütteln wird. Die Realität ist jedoch eine andere. Jitka Mladkova berichtet:

"Wir befassen uns mit Experimenten an allen Typen von Stammzellen", sagt Prof. Eva Sykova, sozusagen die Grande Dame der Stammzellforschung in Tschechien. In dem von ihr geleiteten Prager "Zentrum für Zell- und Gewebeersatz" werden seit etwa drei Jahren klinische Experimente mit so genannten adulten, also erwachsenen Stammzellen bei querschnittgelähmten Patienten durchgeführt. Man implantiert ihnen ihre eigenen Stammzellen aus dem Knochenmark, erläutert Sykova und fügt hinzu:

"Wir haben aber auch menschliche Embryonalzellen. Derzeit verfügen wir über drei Zelllinien, die in unserer Forschungsstätte in Brno / Brünn am Leben erhalten werden. Diese Zellen sind im internationalen Register der Zellbank mit Sitz in Großbritannien verzeichnet. Tschechien ist somit eines der wenigen Länder, die menschliche Embryonalzellen besitzen. Sie wurden bei künstlicher Eibefruchtung jeweils im frühesten Entwicklungsstadium von Embryonen isoliert."

Im Klartext heißt das: Tschechische Wissenschaftler haben das umstrittene Forschungsfeld bereits betreten. Dass mithilfe therapeutischen Klonens etwa Hirnzellen für Parkinson-Kranke und Schlaganfallpatienten oder Herzzellen für Infarktopfer gezüchtet werden können, hält die Wissenschaftlerin Eva Sykova für keine überzogene Erwartung. Das Stammzellengesetz, für das sie sich persönlich stark gemacht hat, gibt ihrer Meinung nach den einheimischen Forschern neuen Rückenwind, hat jedoch auch andere Vorteile:

"Dieses Gesetz ist wichtig, um der Forschung Grenzen zu setzen. Es wurde erst nach einer umfassenden Auseinandersetzung über verschiedene Aspekte ins Leben gerufen, die ethischen Dimensionen mit eingeschlossen. Das Gesetz berücksichtigt alle international empfohlenen ethischen Prinzipien."

Der nach Sykova "umfassende" Meinungsaustausch fand faktisch ausschließlich hinter den Wänden des Abgeordnetenhauses statt. Allerdings erwies sich dort das Thema keineswegs als Zündstoff für einen erbitterten Schlagabtausch der Parteien. Bis auf einige wenige Ausnahmen galt das Experimentieren mit menschlichen Embryonen von Anfang an nur für die Christdemokraten als unakzeptabel. Stein des Anstoßes war die elementare Frage: Wo beginnt das menschliche Leben, und von welchem Moment an gebührt ihm das Recht auf Schutz? Wie ein Mann trat die christdemokratische Fraktion beim Votum gegen die Gesetzesvorlage auf - und wurde überstimmt. Jede Instrumentalisierung des menschlichen Embryos entspreche der Aberkennung seiner Würde, sagt der Christdemokrat Vladimir Riha, im Zivilberuf Arzt. Wo sieht er die Ursachen, dass seine Partei mit dieser Auffassung allein blieb?

"Erstens stehen wir kurz vor den Wahlen. Die Emotionen gelten eher anderen Gebieten, wo es politische Punkte zu sammeln gibt. Zugleich aber ist dies ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: Ethische Fragen stehen eher im Hintergrund. Im Vordergrund stehen der materielle Wohlstand und das Streben nach optimalen individuellen Lebensbedingungen."

Von der philosophischen Einstellung zur Stammzellforschung mal abgesehen - wie ist es um die Gefahr eines möglichen Missbrauchs bestellt? Eine Frage an den Molekulargenetiker Vaclav Paces, Präsident der Tschechischen Akademie der Wissenschaften:

"Zum Glück gibt es hierzulande entsprechende Kontrollmechanismen. Jede Forschungsinstitution ist nämlich verpflichtet, einen Ethikrat einzusetzen. Und das funktioniert. Ich habe da also keine großen Bedenken."

Dass nicht nur embryonale Stammzellen, sondern gentechnisch modifizierte Zellen überhaupt irgendwann in der modernen Medizin zur Geltung kommen, davon ist auch Dozent Milan Macek vom Prager Institut für Biologie und medizinische Genetik überzeugt. Zugleich mahnt er vor jedem eugenischen Streben nach einer Pseudoverbesserung des Menschengeschlechts, das auf Kosten der Vielfalt geht. Zu jedem Zeitpunkt, so Macek, würden vier bis fünf genetische Mozarts auf der Welt geboren, zumeist in übervölkerten Regionen, wo allerdings die Leitfigur des Vaters und nicht zuletzt auch das Klavier fehlen, um aus dem genetischen einen realen Mozart zu machen.


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Das neue Gesicht: Transplantationsmedizin auf umstrittenen Pfaden
28.5.2006 - Nadine Baier

Nicht ganz so kontrovers wie die Stammzellenforschung wird üblicherweise die Transplantationsmedizin diskutiert. Doch gibt es dort einen aktuellen Anlass, der für heiße Debatten sorgt: Die 38-jährige Französin Isabelle Dinoire ist nämlich der erste Mensch, dem Ärzte die Züge einer Toten gegeben haben. Noch nie zuvor haben Mediziner einem Toten ganze Gesichtspartien entnommen und sie danach einer lebenden Person implantiert. Als sie sich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zeigte, dankte die Patientin ihren beiden Ärzten und der Familie der Spenderin. Aber der Eingriff bleibt umstritten. Nadine Baier von Radio France Internationale:

Bewegt und würdevoll trat sie mit ihrer neuen Nase, ihrem neuen Mund und ihrem neuen Kinn vor die 300 Journalisten. Mit einer eigenartigen Stimme, klanglos und monoton, manchmal unverständlich las Isabelle Dinoire ihren Text, neben ihr ihre beiden Ärzte. Isabelle Dinoire:

"Guten Tag allerseits, ich habe mich noch nie in der Öffentlichkeit geäußert und das erscheint mir äußerst schwierig. Aber ich habe Ihnen gewisse Dinge mitzuteilen. Zuvor bedanke ich mich beim gesamten Medizinerteam und beim Personal des Krankenhauses von Amiens, die sich von Beginn an um mich gekümmert haben. Seit dem Tag der Operation habe ich ein Gesicht wie jeder andere. Jetzt kann ich den Mund öffnen und essen. Seit kurzem spüre ich meine Lippen, meine Nase und meinen Mund. Natürlich muss ich noch viel daran arbeiten, um die Muskeln zu reaktivieren. Ich wollte Ihnen auch sagen, dass das alles ohne die Spende nicht möglich gewesen wäre. Ich möchte die Familie ehren und mich entschuldigen für die Beleidigungen, die sie ertragen musste in Folge dieser Premiere. Trotz ihres Unheils, ihrer Trauer, hat sie es akzeptiert, Menschen in Not ein zweites Leben zu schenken. Dank ihr öffnet sich eine Tür in die Zukunft für mich und für andere. Danke an alle."

Die Narbe ist sichtbar, die Unterseite ihres Gesichtes bewegt sich fast nicht, den Mund kann sie nicht schließen. Viel Make-up bedecken das Gesicht der kleinen blonden Frau. Doch Isabelle Dinoire fühlt sich, nach eigenen Aussagen, mit dem Gesicht der Toten, schöner als zuvor. Eine stabile Psyche sei Voraussetzung für den Erfolg einer solchen Transplantation. Ob die Mutter zweier Töchter diese wirklich hat, bleibt bis heute unklar.

Rückblick: Die 14 und 17 Jahre alten Töchter verlassen die Mutter nach einem Streit abends, um bei der Großmutter zu übernachten. Isabelle Dinoire nimmt Schlaftabletten und verliert das Bewusstsein. Als sie erwacht, möchte sie sich eine Zigarette anzünden. Sie hält nicht zwischen ihren Lippen. Erst dann sieht sie die Blutlache neben sich, ihre Hündin, und beim Blick in den Spiegel, bricht sie zusammen: Ihr Gesicht ist völlig entstellt, die Mundpartie zerfleischt. Wie es letztendlich zu der Hundeattacke kam, ist unklar.

Die ältere Tochter unterstellt der Mutter Suizidabsichten. Der Starchirurg Jean-Michel Dubernard bestreitet das. Der gelernte Urologe erregte bereits 1998 mit der ersten Handtransplantation Aufsehen und sitzt für die konservative Regierungspartei im französischen Parlament. Zunächst habe auch er Bedenken gehabt, doch als er Isabelle zum ersten Mal sah, habe er keine Sekunde mehr gezögert. Wenn sie die Wohnung verließ, trug sie eine Gesichtsmaske. Der Starchirurg Dubernard über das Ergebnis:

"Im Moment verlaufen die Dinge sehr zufriedenstellend. Sie hatte eine Abstoßungsreaktion, die jedoch klassisch für alle Transplantationen ist, wir haben das leicht in den Griff bekommen. Also im Augenblick sind wir sehr zufrieden, aber das ist eine Premiere, und wir wissen nicht, was morgen passiert."

Kritiker meinen, die Frau sei ein erhebliches Risiko eingegangen. Ein Transplantatversagen sei nicht auszuschließen. Dann stünden nur noch sehr eingeschränkte rekonstruktive Möglichkeiten zur Verfügung. Für das Ärzteteam bedeutet die Operation neuen Elan in der Organtransplantation. Der Chirurg Bernard Devauchelle:

"Wir sind glücklich über das positive Ergebnis, weil wir wissen, dass es jeden Tag Anfragen gibt. Wir wissen auch - und das ist ein wichtiger Faktor - dass die Transplantation die Organsspenden anderweitig nicht beeinträchtigt hat. Ganz im Gegenteil! Familien von Menschen im Hirntodzustand haben angeboten, Herz, Leber oder Niere zu spenden, manche haben sogar spontan einen Teil ihres Gesichts angeboten. Wenn diese Transplantation einen positiven Effekt auf die Organspenden hatte, also dann glaube ich haben wir es geschafft. Wir kämpfen in diese Richtung und machen weiter."

Die Zahl der Kritiker ist jedoch groß. Es sei hochproblematisch, so die französische Tageszeitung "Libération", mit dem Gesicht einer Toten zu leben. Emmanuel Hirsch, Professor für medizinische Ethik in Paris, lehnt das überstürzte Experiment ab, da die Patientin sich, anders als etwa bei einer Herz- oder Lebertransplantation, nicht in einer lebensbedrohlichen Lage befunden habe. Dubernard meinte jedoch, die Verletzungen seien so kompliziert gewesen, dass rekonstruktive Operationen schlichtweg unmöglich gewesen wären.


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Tierleiden für die Gesundheit des Menschen?
28.5.2006 - Ruth Rach

Schlichtweg unmöglich, so sagen manche, wären viele medizinische Fortschritte ohne Versuche an lebenden Tieren. Genau diese aber halten andere für einen Sündenfall, für eine nicht akzeptable Überschreitung moralischer Grenzen. In Großbritannien wird genau diese Diskussion mit großer Leidenschaft geführt, wie Ruth Rach aus London berichtet.

Im Jahre 2001 zeigte das britische Fernsehen einen Dokumentationsfilm, der die Öffentlichkeit erschütterte: Affen, denen bei vollem Bewusstsein Hals und Brustkorb aufgeschnitten wurden, Tiere, die mit grässlichen Verstümmelungen vor sich hin vegetierten. Verdeckte Aufnahmen aus den Labors von Huntingdon Life Sciences, einer amerikanischen Firma in Cambridge, dem damals größten Tierversuchszentrum Europas. Inzwischen hat das Labor geschlossen. Nicht etwa, weil die Firmenleitung ein schlechtes Gewissen bekam. Vielmehr wurden ihre Mitarbeiter, Auftraggeber und Investoren von extremistischen Tierschützern so massiv unter Druck gesetzt, dass sie um ihr Leben fürchteten. Über 80 Auftraggeber zogen sich zurück. Die Aktien von Huntingdon Life Sciences stürzten in den Keller.

Die britische Tierschutzbewegung gilt als die größte und stärkste auf der Welt. Ihre Taktiken werden in anderen Ländern kopiert. Die meisten Tierversuchsgegner sind friedliebend, aber kleine Grüppchen werden zunehmend militant. Sie brechen in Labore ein, befreien Tiere; sie versenden Drohbriefe, verleumden Wissenschaftler, schrecken selbst vor physischen Übergriffen nicht zurück. Auch die Familien von Laborangestellten werden bedroht, ihr Eigentum wird beschädigt, ihre Adressen werden im Internet veröffentlicht.

Der Rückzug von Huntingdon Life Scienes aus Cambridge war für die Tierschützer ein großer Triumph. Aber nun läuft eine neue Kampagne heiß. Und sie könnte einen anderen Ausgang nehmen: Seit zwei Jahren versuchen Tierschützer die Fertigstellung eines Tierversuchslabors in Oxford zu verhindern. Jedes Wochenende demonstrieren sie vor dem Gelände. Nun hat sich eine Gegenbewegung formiert. Pro-Test nennt sie sich, und wird von dem 16 jährigen Laurie Pycroft koordiniert. Vor kurzem hat der junge Mann in Oxford Hunderte von Demonstranten zusammengetrommelt:

"Es wird Zeit, dass sich die Wissenschaftler Gehör verschaffen und für die Interessen der stillen Mehrheit sprechen", meint Pycroft.

"Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen", so der Kampfruf eines Professors, der mit Affen experimentiert.

"Wissenschaftler müssen offen über den Nutzen von Tierexperimenten für die Menschheit sprechen können, ohne dass sie um ihr Leben fürchten müssen", betont der Wissenschaftler Tifuk Asis.

"Menschen wie ich brauchen neue Heilmittel", sagt eine Frau die an Parkinson leidet. Sie sei tierliebend, aber wenn Menschenleben gerettet werden könnten, sei es vertretbar, das Leben von Tieren zu opfern.

Tierschützer sehen die Sache anders. Sie verstehen sich als Sprachrohr für Lebewesen, die keine Stimme haben. Sie setzten Tierversuche mit Mord, Terror und Gewalt gleich. Erst neulich erklärten sie auch Studenten in Oxford zu legitimen Angriffszielen, falls das neue Labor in der Stadt eingerichtet würde.

"Wir sind keine Handvoll von Verrückten", so ein Tierschützer. "Wir wollen uns für Kreaturen einsetzen, die sich nicht selbst verteidigen können. Die Gegendemonstration hat erreicht, dass die Diskussion in die breitere Öffentlichkeit getragen wird, und das kann man nur begrüßen."

Schon vor zwei Jahren hat das britische Parlament verschärfte Bestimmungen verabschiedet, um Labore vor Tierversuchsgegnern zu schützen. Ein Teil der neuen Anti-Terrormaßnahmen kann ebenfalls gegen die Aktivisten angewendet werden. Doch diese lassen sich nicht einschüchtern:

"Wir sind schon zwei Jahre in Oxford und werden dort so lange bleiben, bis wir unser Ziel erreicht haben."


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