Alternativen
Leben mit Behinderungen
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Behinderten-WG: Therapieansatz Alltagsleben
25.6.2006 - Grit Hofmann

An der ersten Tür, an die wir heute klopfen wollen, klebt ein Schild mit fünf Namen. Doch bei der Wohngemeinschaft, die hinter dieser Tür lebt, handelt es sich um keine Studenten-WG, sondern um eine Wohngemeinschaft von Behinderten. Diese befinden sich nach einer Schädel-Hirn-Verletzung in einem abgeschwächten Stadium von Wachkoma. Jedes Jahr erleiden Tausende Menschen in Deutschland eine solche Schädigung des Gehirns, meist als Folge eines Unfalls, Schlaganfalls oder Herzinfarkts. Angehörige sind mit der Pflege oft überfordert. Und in den chronisch unterbesetzten Pflegeheimen können die Patienten zwar gepflegt, aber kaum gefördert werden. Alternativen zum Pflegeheim sind selten. Grit Hofmann hat eine von ihnen in Dresden besucht.

Christa Agner besucht ihren Enkel Sven. Sven Bierbaum ist 25 Jahre alt. Eine Pflegerin hat ihn gerade ins Bett gelegt. Die dünnen Arme liegen angewinkelt an seinem schmalen Körper. Reden kann Sven nicht - jedenfalls nicht mit Worten. Vor fünf Jahren hatte Sven einen schweren Autounfall, bei dem sein Gehirn stark verletzt wurde. Nach dem Klinikaufenthalt kam Sven in ein spezielles Pflegezentrum. Doch die Betreuung dort reichte seiner Mutter Petra Bierbaum nicht:

"Die Schwestern, die hat man wirklich nur gesehen, wenn sie Medikamente verabreicht oder die Patienten umgedreht haben. Sven lag meist ganz alleine in seinem Bett. Das tat mir dann so leid, weil er ja schon ziemlich wach war."

Sven brauchte Förderung. Deshalb zog er vor einem Jahr in die Wohngemeinschaft, hier in einer großen Altbauwohnung im Süden Dresdens. Um "normal zu leben". Das ist das Therapiekonzept von Katrin Schultz, der Gründerin des WG-Projekts:

"Ich finde es einfach traurig, dass in einem solchen jungen Leben einfach Schluss sein sollte. Man gibt sich zwar nach dem Erstaufenthalt im Krankenhaus viel Mühe, in der Rehabilitation, um die Leute voran zu bringen. Doch schließlich kommen sie dann doch ins Pflegeheim, um dort wieder abzubauen."

Katrin Schultz leitet die Pflege und Betreuung von Sven und seinen drei Mitbewohnern. Sie weiß, dass viele geistige Fähigkeiten nach einer Schädelverletzung noch vorhanden sind. Sie müssen nur wieder geweckt werden:

"Wir versuchen, die Leute zu mobilisieren, Reize zu setzen, eine Beziehung aufzubauen, Verbindung zu den Patienten aufzunehmen. Und wir hoffen, dass sie wieder munter werden."

Reize werden nicht nur körperlich mit Physiotherapie gesetzt. Die Gehirne der Bewohner werden auch über Gerüche oder Geräusche stimuliert. Beispielsweise wenn mit ihnen in der Küche gekocht wird. Dann lernen sie, Düfte wieder zu erkennen. Alltagsgeräusche wie die brummende Waschmaschine im Badezimmer oder der Staubsauger sollen ihre akustische Wahrnehmung wieder anregen.

Seit einigen Wochen gibt es sogar zwei Katzen in der Wohnung. Deren Schnurren wirkt entspannend und beruhigend auf die spastisch verkrampften Körper der Bewohner.

Das praxisnahe Therapiekonzept zeigt Erfolge. Sven, sagt seine Mutter ist nur ein Beispiel dafür:

"Er ist entspannt, er lacht schön, wenn wir uns unterhalten. Man merkt, er versteht alles. Die Bewohner werden mit in die Küche genommen oder in die Stube, und da wird dann gekocht und verschiedenes gemacht - das ist eben wie eine kleine Familie hier: Nicht jeder für sich, sondern alle gemeinsam."


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Integration behinderter Kinder in Regelschulen
25.6.2006 - Adina Olaru

Alle Gemeinsam - das ist auch die Devise im Schulwesen Rumäniens. Denn dort geht der Trend momentan in Richtung Integration behinderter Kinder in ganz gewöhnliche Regelschulen. Adina Olaru berichtet.

"Dumitrescu Alexandru - 11 ani" - Dumitrescu Alexandru, 11 Jahre alt. Oder David, wie er sich nach seinem Vater nennt, den er allerdings nie kennen gelernt hat. Er wohnt im Kinderheim und besucht seit einem Jahr die Regelschule Nr. 156 in Bukarest. Seine leichte geistige Behinderung hindert ihn nicht daran, mit den anderen Schritt zu halten. Er zählt zu den Glücklichen, die aus einer Sonderschule in eine Regelschule versetzt wurden, erzählt mir seine Lehrerin. David ist nicht der einzige behinderte Schüler der Schule 156, sagt Schulleiterin Viloeta Rotariu:

"An unserer Schule lernen drei Kinder mit leichten geistigen Behinderungen und drei körperbehinderte Kinder. Sie haben sich gut in die Gemeinschaft integriert, sie gehen in unterschiedlichen Klassen und sind seit der ersten Klasse unsere Schüler. Wir arbeiten sehr gut mit ihnen."

Der Integrationsprozess behinderter Kinder hat in Rumänien offiziell 1999 begonnen. Seitdem fällt der Sozialschutz nicht mehr in die Verantwortung der Schulen, sondern wird von einer speziellen Institution geregelt, der Nationalen Behörde für den Schutz der Kinderrechte. Damals Zeitpunkt hat man die Situation in den Sonderschulen evaluiert: Diejenigen Schüler, die nur leicht behindert waren und sonst eine normale geistige Entwicklung hatten, wechselten zu den Regelschulen. Mehr über Prozess der Integration behinderter Kinder in Rumänien erfahren wir von Mircea Vlad, dem zuständigen Fachinspektor im Bildungsministerium:

"Die Kinder wurden nicht alleine gelassen, sie sind nicht einfach von einer Schule in die andere versetzt worden. Ihnen wurden gewisse Bildungsleistungen zugesichert. Die Lehrkräfte werden ausgebildet, damit sie auch mit Kindern arbeiten können, die aus Spezialschulen kommen. Die behinderten Kinder werden außerdem von einer spezialisierten Lehrkraft betreut, die sie einmal die Woche besucht und sie bei der Anpassung an die neue Schule sowie beim Lernprozess unterstützt. Andererseits gibt es auch Sonderschulen, die den Unterricht bereits nach dem Lehrplan in Regelschulen gestalten, so dass die anschließende Integration dann leichter wird. Die integrierten Schüler machen alle Prüfungen mit."

Nach der neuen Politik des Bildungsministeriums werden Kinder in der Schule eingeschult, die dem Wohnort am nächsten liegt - egal ob behindert oder nicht. Die bisherige Erfahrung hat gezeigt: Es funktioniert.


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Spezialspielzeug für Behinderte
25.6.2006 - Markus Wetterauer

Auch in den meisten schwedischen Schulen werden behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Gerade mal ein Prozent der geistig behinderten Kinder geht auf spezielle Schulen. Für alle anderen gilt: Eine Schule für alle, egal ob Vorschule, Grund- und Hauptschule oder Gymnasium. Damit die behinderten Kinder dort entsprechend gefördert werden können, brauchen sie auch besondere Spielsachen. Markus Wetterauer stellt ihnen Beispiele aus Schweden vor.

Liebevoll spricht Marie Ekman-Bäcklund von "ihrem Kind". Ihr Kind, das ist ihre Erfindung, heißt "Paletto" und sieht ein bisschen aus wie ein elektrisches Klavier - nur dass die Tasten nicht schmal und länglich sind, sondern groß und rund. Wenn sie die Tasten drückt, entlockt sie dem Paletto die verschiedensten Geräusche.

Die Arbeitstherapeutin Ekman-Bäcklund hat ihr Paletto für ein Unternehmen im westschwedischen Varberg entwickelt.

"Das ist eigentlich kein Spielzeug, sondern ein pädagogisches Werkzeug für Kinder, die in ihrer sprachlichen Entwicklung Unterstützung brauchen. Gleichzeitig muss es so lustig sein, dass es zu Aktivitäten anregt", erklärt sie.

Deshalb hat das Paletto die großen runden Tasten, hinter denen sich Geräusche aus der Lebenswelt der Kinder verstecken. Die Kinder sollen sie hören, erkennen und benennen. Mit dem "Paletto" trainieren sie auf diese Art genaues Zuhören und Sprechen.

"Es wurde zu allererst für behinderte Kinder gemacht. Aber weil es eigene Aufnahmemöglichkeiten besitzt, können behinderte und nicht behinderte Kinder unter gleichen Bedingungen gemeinsam spielen."

Das Gerät hat auch kleine Speicherkärtchen, und deshalb können die Kinder nicht nur vorprogrammierte Geräusche abrufen, sondern auch eigene Geräusche oder Sätze speichern: moderne Elektronik hilft beim Spracherwerb.

Ganz traditionell ist dagegen das Spielzeug eines Stockholmer Unternehmens. Geschäftsführerin Lisa Laster setzt auf Holz oder Stoff, getreu dem Motto "Weniger ist mehr":

"Zum Beispiel dieser Greifball: Er ist leicht zu greifen, zu fangen, aus weichem Material und deshalb ungefährlich, wenn ihn ein Kind auf ein anderes wirft."

Während ein normaler Ball rund ist, hat der Greifball vier große, fächerartige Griffe. Behinderte Kinder können ihn deshalb leichter fangen. Und weil Kinder mit Sehschwäche Dinge schwerer erkennen können, leuchtet der Ball im größtmöglichen Kontrast, in schwarz und gelb. Genauso wie die Wespenpuppe, die Lisa Laster ganz langsam bewegt.

"Das Kind schafft es, sich darauf konzentrieren und den Bewegungen zu folgen. Das ist selten bei normalen Spielsachen, wo es zu viele Funktionen oder Laute gibt. Das Kind wird dann überstimuliert. Da kommen behinderte Kinder einfach nicht mehr mit."

Es sind die Kleinigkeiten, die bei den speziellen Spielsachen den Unterschied machen. Eine Franse oder ein Laut weckt die Neugierde, lädt ein zum Ausprobieren und Untersuchen, und damit zum Lernen.


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Behinderte in der tschechischen Gesellschaft
25.6.2006 - Silja Schultheis

Integration von Behinderten in das Arbeitsleben: Das ist das vorrangige Ziel des traditionsreichen Prager Jedlicka-Instituts. Als es 1913 gegründet wurde, hieß die Devise: aus bettelnden Invaliden arbeitende Steuerzahler machen. Heute werden am Jedlicka-Institut ca. 180 Schüler zwischen sechs und 25 Jahren ausgebildet. Unter anderem von Vojtech Civak, der selber stark sehbehindert ist. Silja Schultheis hat mit ihm gesprochen.

Herr Civak, Sie arbeiten seit 1993 hier im Jedlicka-Institut, unter anderem als Deutschlehrer. Vor 1989 sind Sie in eine Schule für Sehbehinderte gegangen. Wie kann man sich so eine Einrichtung vorstellen? Was für eine Atmosphäre herrschte dort während des Kommunismus?

"Na ja, wir waren damals Kinder und haben die Atmosphäre als nicht so tragisch wahrgenommen. Aber wenn ich jetzt daran zurückdenke, so muss ich sagen: Alle Kinder mussten dasselbe machen, dasselbe mögen, dasselbe sagen und gleich wie die anderen denken. Wie kann man das erreichen? Nur mit einem strengen Regime."

Ziel der Kommunisten war es ja auch, behinderte systematisch von der Öffentlichkeit fernzuhalten und sie in Anstalten regelrecht wegzusperren. Das Jedlicka-Institut ist dafür ein sehr anschauliches Beispiel. Es befindet sich in der Nähe des damaligen Kulturpalastes, und wenn die Kommunisten hier Tagungen hatten, dann erhielt das Institut die Weisung, in dieser Zeit keine Behinderten auf die Straße zu lassen. Was hat sich seit 1989 in der tschechischen Gesellschaft geändert, was die Einstellung gegenüber Behinderten anbelangt?

"Meine Erfahrung ist die, dass man jetzt viel mehr über die Behindertenproblematik spricht, auch im Rundfunk und im Fernsehen. Man sollte sich also nicht über Mangel an Information beklagen. Aber die Gesellschaft könnte toleranter sein. Noch toleranter."

Vor kurzem wurde in Tschechien ein neues Gesetz über Sozialdienstleistungen verabschiedet, dem zufolge Behinderte künftig mehr Mitspracherecht haben darüber sollen, wie sie betreut werden, ob zu Hause oder in einem Heim. Tut der tschechische Staat genug, um die Integration von Behinderten zu fördern?

"Die Tschechen sagen ja gerne, dass alles, was die Politiker machen, nicht ausreichend ist. Aber objektiv betrachtet bedeutet dieses neue Gesetz für die Behinderten wirklich viel. Denn das Geld, das die Gemeinden früher den Betreuungseinrichtungen gaben, bekommen jetzt direkt die Behinderten. Das heißt, dass ein Behinderter, der Ganztagsbetreuung braucht, nicht in einer Anstalt leben muss. Er kann zu Hause bleiben, an seinem Wohnort arbeiten, und sich die benötigten Dienstleistungen selbst kaufen. Das ist sehr wichtig."


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Damon Rose: Blinder Fernsehproduzent mit Sinn für pechschwarzen Humor
25.6.2006 - Ruth Rach

Behinderte im Berufsleben: Trotz vieler Hürden, die oft nur schwer zu bewältigen sind, gibt es auch hier Erfolgsgeschichten, Karrieren voller Freude und Engagement. Wie zum Beispiel die von Damon Rose. Ruth Rach hat ihn in London besucht.

Damon Rose holt mich an der Rezeption der BBC ab. Kurze Haare, blaue Augen, gebügeltes Hemd, Jeans, Turnschuhe. Liam, sein Labrador, mustert mich mit mildem Interesse.

Liam braucht dringend Auslauf, sagt Damon. Die meisten Blinden seien alt und hätten dementsprechend Hunde von der Sorte, die höchstens mal gerne um die Ecke zum Einkaufen gehen. Sein Liam hingegen sei ein junger, dynamischer Londoner, der gern mal in den Nachtclub oder Pub mitgehe und sich in Meetings genau so wohl fühle wie im Flugzeug nach Schottland.

Eine vielleicht noch wichtigere Lebenshilfe ist für Damon der Computer. Der ist gerade abgestürzt. Wir sitzen in Damons Büro im zweiten Stock. Adam, IT Experte, versucht das Problem zu lösen. Damons Computer hat eine raffinierte Braille-Tastatur. Eine synthetische Stimme liest ihm vor, was auf dem Bildschirm erscheint. Neben dem Computer steht eine altmodische Braille-Maschine - sein Kugelschreiber, sagt Damon. Das Ding hat er noch aus der Schulzeit. Daneben liegen Kassetten, Videos, Auszeichnungen: Damon Rose, Persönlichkeit des Jahres. Beste Berichterstattung zum Thema Behinderte.

Seit Juni produziert Damon eine BBC-Webseite für Behinderte. Schon ihr Name sagt: Sie will anders sein als die üblichen Behinderten-Webseiten. Ouch, heißt sie. Denn autsch, das sagt man, wenn man auf der Straße angerempelt wird. Oder wenn einen die Leute herablassend behandeln, weil man behindert ist.

"Ouch ist ironisch, eigenwillig, frech", sagt Damon. Ouch wolle bewusst nicht informieren, sondern die Behinderten-Kultur feiern. Mit Satiren, persönlichen Berichten, Meinungsspalten, Pinnwänden.

So richtig austoben kann sich Damon Rose mit Blindkiss.com, einem Internetradio namens Blinder Kuss, das er in seiner Freizeit moderiert. Blindkiss.com will die Klischees über Blinde über den Haufen werfen, so Damon Rose. Blinde würden oft mit Samthandschuhen angepackt. Oder als mystische Wesen betrachtet, mit übersinnlichen Eigenschaften. Oder als Mitleid erregende Opfer. Und manchmal, fast am schlimmsten, als Helden.

Mit 14 ist Damon blind geworden. Es passierte ganz plötzlich. Mehr will er dazu nicht sagen. Danach kam er ins Internat. Nach dem Internat studierte Damon Kommunikationswissenschaft. Drei Jahre suchte er nach dem passenden Job, schrieb Gedichte, Werbespots, Drehbücher. Dann kam der Durchbruch. Die BBC gab ihm einen Ausbildungsplatz als Fernsehregisseur - unter hunderten von Bewerbern. Damon produzierte Kurzfilme über Behinderte.

So schwer sei das Filmemachen auch wieder nicht, meint er. Ein Film beginne ohnehin im Kopf, wenn man sich die Szene vorstellt. Als Kind, bevor Damon blind wurde, hat er praktisch jede freie Stunde vor dem Fernseher verbracht. Da hat er seine ersten Erfahrungen gesammelt. Am Drehort lässt sich Damon vom Kameramann sagen, was er durch die Linse sieht. Danach entscheidet er.

Und Damons Pläne? Eine Kampagne für mehr Bücher in Braille. Ein Roman über die Behindertenszene. Und eine Fernsehkomödie. Viele Leute könnten sich gar nicht vorstellen, dass Behinderte Sinn für Humor haben. Dabei machen Damon die pechschwarzen schockierenden Sätze ganz besonders an.


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Dans le noir: Entführung in die Welt der Blinden
25.6.2006 - Nadine Baier

Pechschwarz wird es auch in unserem nächsten Beitrag. "Dans le noir?" - "Im Dunkeln?" - so heißt nämlich eine Geschäftsidee, die den Blickwinkel Behinderten gegenüber ändern soll. Im Restaurant im Pariser Stadtviertel Marais werden die Rollen getauscht. Blinde führen Sehende in ihr Reich. Gegessen wird in der totalen Finsternis. Ethik Investments, so heißt das Unternehmen, das verschiedene "ethische" Missionen plant. Das erste Projekt ist das "Dans le noir?", das vor zwei Jahren gegründet wurde. Und es sollen Weitere folgen. Eine Reportage von Nadine Baier:

"Es gibt viele Blinde, die ihre Erfahrungen mit ihren Familien und Freunden teilen möchten", sagt Edouard de Broglie, Geschäftsführer des Restaurants und des Unternehmens Ethik Investments. "Wir arbeiten mit dem Blindenverein Paul Guinot zusammen, der die Blinden ausbildet. Es ist einer der ältesten Blindenvereine der Welt und wurde 1918 gegründet. Worauf wir besonders stolz sind, ist dass unser Restaurant immer gut besucht ist. Studenten und Geschäftsleute kommen, und sogar unser Premierminister war letztes Jahr da. Dieses Restaurant soll Verantwortliche aufrütteln und zeigen, dass Behinderte, die eine an ihre Situation angepasste Arbeit haben, unheimlich leistungsfähig sein können. Ich als Unternehmenschef freue mich ganz besonders über mein Blindenteam: Es ist motiviert, ernsthaft, unerbittlich - ich glaube in der Gastronomie ist das nicht immer der Fall."

Die Dunkelheit gibt es nicht, Ignoranz jedoch schon. Nach diesem Zitat von Shakespeare gründete Edouard de Broglie das Restaurant "Dans le noir?", zu Deutsch "Im Dunkeln?". Das Fragezeichen hinter dem Namen ist Programm, denn im Dunkeln werden andere Sinne wach - und manch einem die Augen für die Welt der Blinden geöffnet.

Koordinator Christian macht die Gäste mit den strengen Vorschriften vertraut. Er ist nicht blind, so wie Barmann und Koch, und koordiniert den reibungslosen Ablauf:

"Heute Abend werden Sie in der totalen Dunkelheit essen. Drinnen werden Sie bedient von Susanna. Sie ist blind. Bevor Sie also den Saal betreten, bitte ich Sie, ihre Sachen abzulegen. Alles, was Licht erzeugt: Handy, Feuerzeug, Quarzuhren. Sie haben ein Schließfach zur Verfügung, dort können Sie Ihre Taschen und Ihre Kleidung einschließen, um sie nicht im Dunkeln zu verlieren, und damit Susanna nicht drüber stolpert. Ich empfehle Ihnen unser Überraschungsmenü, damit Sie erst beim Essen entdecken, um was es sich handelt. Um an Ihren Platz zu gelangen, legen Sie die Hand auf die Schulter des Vordermanns. Denken Sie daran, vorher auf die Toilette zu gehen! Wenn Sie bereit sind, nehme ich die Bestellung auf und lasse Sie in den Saal."

Aufgaben erledigt. Jetzt heißt es: Vorhang auf für die stockfinstere Nacht. Kellnerin Susanna weist die Richtung der Polonaise. Blindes Vertrauen setzen die Gäste in ihre Kellnerin, ohne deren Schulter sie im Dunkeln tappen würden:

"Wenn Sie loslassen sollten, schreien Sie um Hilfe, okay? Los geht's. So, jetzt geht's nach links, das war der letzte Vorhang, jetzt geradeaus... Alles in Ordnung? Ja, ja, es ist verwirrend am Anfang, das verstehe ich!"

Und plötzlich ist alles anders. Die Luft ist kühler, die Stimmen sind lauter. Das Ohr ersetzt nun das Auge. Man ertastet seine neue kleine Welt. Susanna erklärt, wo sich Stuhl, Tisch, Glas, Besteck, Teller und Nachbar befinden.

Hier herrschen andere Regeln, die Sympathien werden nach anderen Kriterien verteilt. Nicht nach Äußerlichkeiten. Und das Sprichwort "Das Auge isst mit" bekommt eine ganz neue Bedeutung. Taboulé auf die Gabel zu schieben oder Wein einzuschenken, erfordert nahezu koordinative Fähigkeiten. Beißt man gerade auf Auberginen oder Zucchini, kaut man Pilze oder Hühnchen, kommt der Geruch in Ihrer Nase vom Teller, oder vom Nachbartisch? Der Gast Cyril ist bzw. isst zum ersten Mal im Dunkeln:

"Es ist ein fremdes und neues Gefühl, komisch, man verliert die Orientierung. Gleichzeitig empfindet man eine Art Ruhe. Man ist friedlich, wenn man sich unter Kontrolle hat. Bis jetzt kontrolliere ich die Situation, also geht es."

Aber manch einer kontrolliert die Dunkelheit nicht:

"Ich kann nicht rein, ich kann nicht, ich ersticke!" ruft eine Frau. "Ich kann es nicht erklären, ich habe Platzangst, und in der totalen Finsternis zu sein, ist schrecklich!"

Der Blinde Vincent Rigneau ist Stammgast im "Dans le noir?". Er kommt dort voll auf seine Kosten:

"Den Moment des Austauschs suchen wir alle hier. Es ist eine Art Rollentausch. Ich war einmal mit Arbeitskollegen hier, und überraschend und verwirrend für sie war die Verstärkung des Hörsinns. Es ging gar nicht so darum, den Teller wieder zu finden, sondern vielmehr darum, sich selbst reden zu hören, alles rundherum zu hören, weil man eben nur noch den Hörsinn hat. Da mussten wir lachen, weil die Leute wirklich Schwierigkeiten hatten zu reden, und einige haben gar nicht mehr gesprochen. Das war ziemlich lustig."

Fotos: www.danslenoir.com


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