Alternative Heilmethoden: Modetrend oder Trendwende?
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Alternativ-Trend ohne Ausbildungsmöglichkeiten
9.7.2006 - Zsuzsa Lohn

Lange Jahre hindurch waren alternative Heilmethoden vor allem in den Ländern des ehemaligen Ostblocks weitgehend verdammt. So zum Beispiel auch in Ungarn. Zsuzsa Lohn von Radio Budapest International fragte Dr. Erika Balaicza, die leitende Ärztin des Gesundheits- und Wellnesszentrums Biovital-Melissa, wann diese Methoden in Ungarn wieder aufgetaucht sind und wie sie sich seitdem entwickelt haben.

"Alternative Heilmethoden werden ungefähr seit 15 bis 20 Jahren wieder praktiziert. Zu Beginn handelte es sich hauptsächlich um Fußreflexzonenmassage und Irisdiagnostik, daneben gab es noch ein bisschen Phytotherapie und Diätetik. Diese Methoden wurden damals von der Medizin überhaupt nicht akzeptiert. Heute werden viel mehr Methoden angewandt, zum Beispiel Homöopathie, alternative Bewegungstherapie, Heilfasten, Bioresonanztherapie und ähnliche Dinge, die es auch in Österreich oder in Deutschland gibt. Die Anerkennung dieser Methoden ist in Ungarn aber sehr unterschiedlich. Manche Ärzte wollen sie erlernen und praktizieren, andere wiederum akzeptieren sie nicht und schicken Patienten, die solche Methoden anwenden wollen, einfach weg."

Gibt es Ärzte, die diese alternativen Methoden nachträglich erlernt haben und jetzt zusätzlich anbieten? Oder werden die alternativen Heilmethoden von Leuten angeboten, die keine ärztliche Ausbildung haben?

"Alternative Heilmethoden werden sowohl von Ärzten als auch von Heilpraktikern angewandt. Besonders viele Ärzte sind es aber leider nicht. Denn diese müssten dazu an der Universität Prüfungen ablegen, die Hochschulen bieten die entsprechenden Kurse und Prüfungen aber nicht an. Daher können Ärzte die erforderliche Ausbildung gar nicht absolvieren und bekommen deshalb auch die benötigte Lizenz nicht."

Wie steht es mit der Krankenkasse? Akzeptiert sie diese Methoden? Bezahlt sie zumindest einen Teil dieser Behandlungen?

"Leider nicht. Alle diese Präparate oder Therapiemöglichkeiten müssen die Patienten aus eigener Tasche bezahlen", sagt die ungarische Ärztin Dr. Erika Balaicza, die nach ihrem Medizinstudium in München selbst die Anwendung alternativer Heilmethoden erlernt hat.


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Der primitive Ausdruck: Tanztherapie in Frankreich
9.7.2006 - Nadine Baier

Die Tanztherapie wurde als psycho- und körpertherapeutisches Verfahren in den vierziger Jahren in den USA entwickelt. An seiner Wirksamkeit wird immer noch gezweifelt. Mittlerweile sprießen entsprechende Ausbildungen und Studiengänge in Frankreich zwar wie Pilze aus dem Boden, dennoch ist der Beruf nicht anerkannt. Nadine Baier über diese immer beliebter werdende Heilmethode:

Ein Schritt nach rechts, einer nach links, einmal im Kreis, Arme nach oben, und die Stimme nicht vergessen. Psychoanalytikerin und Tanztherapeutin France Schott-Billmann erklärt den 20 Teilnehmern in ihrer Tanztherapie-Stunde, wie man Bakterien tänzerisch wegschleudert oder einem Boot in der Ferne zuwinkt. Einfache, primitive Bewegungen wie klatschen, springen, rollen. Myriam Sorignet, die gerade einen Master in Kunsttherapie macht, ist begeistert:

"Wie Kinderspiele, die man aber sonst nicht mehr ausleben kann - hier ist es erlaubt! Wenn man als Außenstehender dazu stößt, dann macht das Angst, wenn man aber erstmal da ist, dann wird man nicht mehr von außen beurteilt. Wir sind alle zusammen hier und kommunizieren mit einfachen Gesten. Das ist so rar heutzutage! Tanztherapie muss jedoch von jemandem unterrichtet werden, der den Körper gut kennt. Und sie kennt ihn gut."

Damit ist Tanztherapeutin France Schott-Billmann gemeint. Seit über 30 Jahren unterrichtet sie diese Form der Tanztherapie, den primitiven Ausdruck. Immer mehr Ausbildungen zum Kunsttherapeuten werden in Frankreich angeboten, neuerdings können Interessierte ihren Master an der Universität Paris 5 in Kunsttherapie machen - ein Diplom für einen Beruf, den es eigentlich gar nicht gibt. France Schott-Billmann:

"Frankreich ist das Land des großen Widerstands gegenüber alternativen Heilmethoden. Der Tanz hat es viel schwieriger, seinen Weg in die Krankenhäuser zu finden, als die Musik, weil der Körper schwerer zu kontrollieren ist. Die primitiven Techniken mit Trommeln haben noch mehr Widerstand ausgelöst. Vor 15 Jahren haben die Psychiater noch gesagt: Um Gottes Willen, nur keine Trommel, sonst rennen die Psychotiker wild durch die Gegend. Und es stimmt, es werden dabei fantastische Energien geweckt. Deshalb ist es unheimlich wichtig, strikte Regeln der Tanztherapie einzuhalten und nicht einfach irgendetwas zu machen. Ich habe in meinen Ausbildungen viele Psychiater und Pfleger, die bereits in Krankenhäusern arbeiten und die Wirksamkeit dieser Methode erkannt haben. Doch den Beruf Tanztherapeut gibt es nicht. Auf dem Lohnzettel steht entweder Tänzer oder Psychologe. Ich versetze mich in die Lage der Regierung und verstehe, dass die Tanztherapie nicht anerkannt ist. Denn mit diesem Wort wird viel Schindluder getrieben. Man kann verstehen, dass man in den Krankenhäusern eher Künstler einsetzt als Kunsttherapeuten."

Der Tanz umfasste für Naturvölker das ganze Leben: Geburt, Tod, Hochzeit, Krankheit, Austreiben böser Geister - es gab kein Ereignis, bei dem nicht getanzt wurde. Viele Psychiater schicken mittlerweile ihre Patienten zu France Schott-Billmann, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Einer der Teilnehmer etwa ist seit 15 Jahren HIV-infiziert und davon überzeugt, dass ihn die Tanztherapie am Leben hält.

Die Tanztherapie wird als Gruppentherapiemethode sowie als Einzeltherapie eingesetzt. Veronique macht gerade eine Ausbildung zur Tanztherapeutin und wendet diese Heilform schon länger in ihrer Arbeit als Physiotherapeuten an:

"Momentan arbeite ich mit alten Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind. Sie verlieren das Zeitgefühl, kennen ihren Vornamen nicht mehr, können nicht mehr sprechen. Seit sechs Monaten arbeite ich mit Rhythmen, wende also den primitiven Ausdruck an, und ich kann feststellen, dass die Bewegungen wiederkommen. Manche können gar nicht mehr laufen. Ich arbeite mit Rhythmen und Vornamen, mit allem, was mit Koordinierung zu tun hat. Und es ist unglaublich: Sobald sie mich sehen, fangen sie an, den Rhythmus mit ihren Beinen zu klopfen."


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Vom Hexengesetz zur Geistheiler-Föderation
9.7.2006 - Ruth Rach

Die National Federation of Spiritual Healing - der Britische Verband der Geistheiler (NFS) - wurde 1955 gegründet. Erst kurz zuvor war das berüchtigte "Hexengesetz" in England abgeschafft worden, in dessen Rahmen jeder Laienheiler verhaftet und im extremsten Fall sogar mit dem Tod bestraft werden konnte. Viel mehr als 50 Jahre sind seither nicht vergangen, aber die Geistheilerei ist in Großbritannien mittlerweile zum florierenden Nischenprodukt geworden. Ruth Rach berichtet aus London:

Jean Dreghorn ist um die 70, schlank, charmant, kultiviert, tiefblaue Augen. Eine Frau, die man gerne zur Oma hätte. Seit vielen Jahren ist sie Geistheilerin. Jeden Mittwochnachmittag trifft sie sich mit einer Gruppe von Heilern in einer alten Kirche in Esher, südlich von London. Zu den Sitzungen kommen Patienten aus allen Schichten und Altersgruppen. Sie werden sorgfältig registriert, und dann zu einem Stuhl oder einer Couch geleitet.

Eine individuelle Sitzung dauert etwa 30 Minuten: Jean schließt die Augen und stimmt sich ein. Sie beginnt mit Entspannungsübungen, gefolgt von einer Bilderreise. Dann Schweigen. Jean führt ihre Hände über den Körper ihres Patienten, ohne ihn jedoch zu berühren. An bestimmten Stellen verweilt sie länger, als horche sie in sich hinein. Später erklärt sie, sie arbeitet mit dem Energiefeld des Patienten. Jean glaubt, dass sich jede Krankheit in der Aura eines Menschen manifestiert: seinem Energiekörper also, der aus dem Gleichgewicht geraten sei. Ihre Aufgabe bestehe darin, die Energiezentren - oder Chakren - ihres Patienten neu auszubalancieren und damit seine Heilkraft zu stärken.

Jean ist Mitglied der National Federation of Spiritual Healers, dem Nationalen Verband der Geistheiler. Der Verband hat eine lange Tradition. Seine rund 6000 Mitglieder arbeiten zumeist ohne Honorar in den 58 Zentren im ganzen Land. Roy Hutcheson ist ihr Sprecher.

"Dies ist keine religiöse Organisation", unterstreicht Roy Hutcheson. "Die Heiler kommen aus verschiedenen Glaubensrichtungen, und auch aus sehr unterschiedlichen Berufen: Lehrer, Taxifahrer, Studenten, Krankenpfleger, Rentner sind dabei. Und bisweilen auch Ärzte."

Training und Praktikum dauern mindestens zwei Jahre. In den Kursen werden nicht nur esoterische Kenntnisse, sondern auch medizinisches Fachwissen vermittelt. Die Heiler müssen Prüfungen ablegen, sich registrieren, sich versichern. Erfahrene Kollegen halten ein Auge auf sie. Der letzte Präsident des Nationalen Verbands der Geistheiler war selbst Arzt. Das hat das Image der Organisation gestärkt. Inzwischen haben zehn Arztpraxen in England Geistheiler angestellt. Auch in Krankenhäusern sind sie tätig: in Bristol, Leeds, London, Plymouth, Manchester. Ich frage Roy Hutchinson, wie er sich den Vorgang des Heilens erklärt:

"Man muss sich eine Lebenskraft vorstellen, die in der Natur, im Universum und im Menschen existiert", sagt Roy Hutcheson. "Der Heiler hat die Fähigkeit entwickelt, mit dieser Kraft in Verbindung zu treten und sie an seinen Patienten weiterzugeben - quasi als Starthilfe, damit dieser sein eigenes Heilungspotential aktivieren kann."

Jeder könne Heiler werden, meint Hutcheson. Falls er sich wirklich für diesen Weg entscheidet.


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Das schlechte Blut muss weg.
9.7.2006 - Stefan Tschirpke

In Finnland ist unter Heilpraktikern das Schröpfen weit verbreitet. Es wird stets in Verbindung mit einem Saunabesuch angeboten. Noch vor Jahren eher belächelt wird Schröpfen von der Schulmedizin heutzutage in zunehmendem Maße als ergänzende Therapiemethode betrachtet. Stefan Tschirpke besuchte eine aufs Schröpfen spezialisierte Heilpraktikerin in Helsinki:

Stadtteil Kallio in Helsinki, Adresse Harjutorinkatu. Ein bärtiger Mann sitzt vor dem Eingang eines Wohnhauses und genießt die klare Winterluft. Er ist unbekleidet und hat nur ein Badetuch um. Wir befinden uns vor Helsinkis ältester öffentlicher Sauna, der Kotiharjun Sauna, gegründet 1928.

Die Sauna liegt im Erdgeschoss. Darüber ist das Reich der Heilpraktikerin Sanna Ilmarinen. Gerade bereitet sie die Instrumente für das Schröpfen vor. Dutzende glockenförmige Glaskuppeln werden desinfiziert. Auf dem Tisch liegen zwei skalpellartige Messer bereit. Der nächste Kunde ist schon in der Sauna. Saunieren und Schröpfen gehören zusammen.

"Das Saunieren beschleunigt den Blutkreislauf der oberen Gewebeschichten der Haut. Die Haut wird erwärmt. Dadurch spürt der Kunde die winzigen Einschnitte nicht, die ich vor dem Schröpfen vornehme", sagt Sanna Ilmarinen. "Zunächst muss ich die richtigen Punkte auf der Haut finden. Ich taste die Haut nach Verhärtungen ab, suche nach Durchblutungsstörungen im Hautgewebe. Akupunkturpunkte sind auch eine Orientierung."

Sanna Lahtinen kommt erhitzt und gerötet aus der Sauna, zum Schröpfen bereit. Was hat sie hierher geführt?

"Ich hatte Schmerzen im Rückenbereich. Es war wie ein Hexenschuss. Ich wollte keine Schmerztabletten nehmen, also versuchte ich es mit Schröpfen. Und es half."

Die Heilpraktikerin und ihre Kundin ziehen sich in den Raum mit der Liege und den Instrumenten zurück. Das Schröpfen beginnt. Mit dem skalpellartigen Messer wird die Haut an den vorher ermittelten Punkten leicht aufgeritzt. Dann werden die Schröpfgläser auf die winzigen Wunden gesetzt. In den Gläsern bildet sich ein Vakuum, und das Blut tritt aus. 30 Schröpfgläser sind es im Falle von Lahtinen, auf den Schultern und Oberarmen, und beidseitig entlang der Wirbelsäule.

Ilmarinen nennt es das schlechte Blut, Blut mit hohen Schlackeanteilen und Kohlendioxid-Konzentrationen.

"Das Verfahren reinigt und entspannt den Körper. Ich habe viele Kunden, die unter Stress leiden. Leute mit verspannten Schultern, Rückenschmerzen, auch Bluthochdruck und Asthma."

Früher sei die Therapie von der Schulmedizin nicht ernst genommen worden, sagt Ilmarinen. Das habe sich mittlerweile geändert. Nicht nur die Nachfrage habe zugenommen, selbst die öffentliche Gesundheitsfürsorge würde sich dem Schröpfen gegenüber aufgeschlossener zeigen.

"Schulmedizin und Naturheilkunde sollten sich ergänzen, auch weil die öffentliche Gesundheitsfürsorge überlastet ist. Viele kommen auch deshalb zu mir, weil sie vom Arzt in 15 Minuten mit Schmerztabletten abgefertigt wurden."


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Alternativnahrung gegen Zivilisationskrankheiten
9.7.2006 - Markus Wetterauer

Viele Beschwerden gelten heutzutage als Zivilisationskrankheiten - als Krankheiten, die der Wohlstand mit sich gebracht hat. Immer mehr Menschen in den Industrieländen leiden an Diabetes, sind gegen bestimmte Produkte wie Nüsse oder Milch allergisch oder vertragen kein herkömmliches Mehl. Schwedische Unternehmen versuchen seit einigen Jahren, für diese Menschen einen Ausweg anzubieten. Sie entwickeln spezielle Lebensmittel, die das Leben mit diesen Krankheiten erleichtern sollen. Markus Wetterauer stellt die gesunden Produkte vor:

Hautausschläge, Magenschmerzen, Atemnot: Allergien und Unverträglichkeiten gegen bestimmte Nahrungsmittel können den Patienten das Leben zur Hölle machen. Erst seit ein paar Jahren kommt man den Ursachen dafür auf die Spur, erläutert Evamarie Källgren vom Mehlproduzenten Finax im Südschwedischen Helsingborg:

"Früher hat man vielleicht gesagt, dass man ein Problem mit dem Magen oder der Haut hat. Mit den heutigen Analysemethoden erkennt man eine Unverträglichkeit gegen Gluten oder Laktose. Und da setzen wir an."

Vor etwa zwanzig Jahren entwickelte das Unternehmen glutenfreie Mehlmischungen und war damit Trendsetter in Europa. Inzwischen gibt es alles, von der Brotmischung über Kuchenmehl bis hin zu Müsli und Nudeln. Andere Firmen in Schweden bieten Milch oder Eis ohne Laktose an. Die herkömmlichen Rohstoffe wie Kuhmilch oder Weizenmehl werden dabei zum Beispiel durch Soja, Reis oder Mais ersetzt. Das hört sich unkomplizierter an, als es ist. Denn tatsächlich müssen die Firmen dabei drei hohe Hürden überwinden. Hürde eins: die Weiterverarbeitung. Schließlich soll auch aus dem Ersatzmehl später einmal ein Kuchen oder ein Brot werden, sagt Evamarie Källgren.

Kind mit DiabetesKind mit Diabetes
"Das ist nicht so einfach. Man hat ja keine Weizenstärke, die man zum Aufgehen des Teigs braucht. Das muss man auf eine ganz andere Art und Weise erreichen."

Dann folgt Hürde zwei: der Geschmack. Der Trick dabei ist, die Rohstoffe richtig zu mischen, ohne irgendwelche chemischen Mittel reinzustopfen, sagt Källgrens Kollege Lennart Andersson. Denn was Allergiker am wenigsten brauchen können, sind E-Stoffe jedweder Art.

Bleibt Hürde drei: der Preis. Er soll möglichst nicht höher liegen als bei herkömmlichen Produkten. Denn anders können sich die Betroffenen ein Lebensmittel wie Eis ohne Laktose kaum leisten, erklärt Geschäftsführer Ingemar Folkeson von der Ingman-Molkerei im südschwedischen Ahus.

"Es kostet genauso viel wie normales Eis von dieser Qualität. Die Rohstoffe sind in der Tat teurer, aber wir können das Preisniveau halten, weil wir jahrelange Erfahrung mit der Produktion haben."

Und noch eine Erfahrung haben die Spezialisten aus den schwedischen Unternehmen gemacht: Nicht nur Kranke kaufen inzwischen die besonders gesunden Lebensmittel, sondern immer breitere Bevölkerungsschichten. Weniger Fett und Zucker, stattdessen mehr Ballaststoffe und Eiweiß, heißt die Devise. Die Menschen wollen damit Wohlstandskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht oder Bluthochdruck vorbeugen.


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Heiler auf vier Pfoten
9.7.2006 - Bára Procházková

Ganz zum Schluss kommen wir nach Prag. Alternative Heiler, die sich hier auf besondere Art um kranke Menschen kümmern, heißen zum Beispiel Alik oder Punta. Sie haben vier Beine, auf Deutsch würde man sie vielleicht Struppi oder Flocki rufen. Es handelt sich um Hunde, die in der so genannten Canistherapie zum Einsatz kommen. Bara Prochazkova hat sich umgehört:

"Wenn Sie mit einem Hund ins Krankenhaus kommen, dann leuchten die Augen der Kinder!" sagt Michaela Fidlerova. Deshalb besucht die junge Studentin mit ihrem Hund ehrenamtlich Woche für Woche das Prager Krankenhaus Motol. Denn ihre Hündin Angie kann heilen, behauptet sie. "Hunde heilen keine Grippe, aber sie verbreiten ein gutes Gefühl."

Ausgebildet werden die Assistenz-Hunde unter anderem von der tschechischen Organisation Helpes. In den letzten fünf Jahren wurden rund 150 Tiere auf ihre Aufgabe in der Canistherapie - also dem Heilen durch den Hund - vorbereitet. Therapeutisches Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier: In der Welt bereits seit 40 Jahren ein Begriff, in Tschechien ein neues Phänomen.

"Der Charakter und die Eigenschaften des Hundes sind das Wichtigste", betont die Vorsitzende des Vereins Helpes, Zuzana Dausova. Die Hunde müssen ruhig, menschenlieb, ausgeglichen und tolerant sein, aber gleichzeitig auch lebhaft. Angeborene Eigenschaften reichen nicht, viel lernen müssen die Hunde auch.

"Sie macht die Tür auf und kann sie auch mit ihrem Hintern wieder schließen. Sie bringt Gegenstände, etwa Schuhe. Und wenn mein Telefon oder meine Krücken herunterfallen, dann hebt sie sie wieder auf", lobt Zdenek Hrabe seine Hündin Whisky.

Seit vor zehn Jahren ein Mordversuch gegen ihn verübt wurde, ist Hrabe schwer behindert. Der Assistenz-Hund hat nun seine Lebensqualität gesteigert:

"Er hat mein ganzes Leben verbessert, vor allem psychisch."

Ein Hund, sagt eine Ausbildnerin, ist kein Medikament, das man dem Patienten verschreiben könnte. Aber der Hund wird "genutzt" für die psychische und physische Entwicklung des Menschen:

"Mit Hilfe des Hundes kann man zum Beispiel Kontakt zu einem Patienten aufnehmen. Er ist eher ein Mittler, er kann nicht direkt heilen", sagt die Trainerin für Assistenz-Hunde Irena Bartonova aus Prag. Auch die Muskelentwicklung oder die Feinmotorik bei Kranken kann gefördert werden, bei Alzheimer- oder Epilepsie-Patienten kann die Anwesenheit von Hunden den Gesundheitszustand verbessern. Und auch bei behinderten Kindern:

"Die Augen unseres Kindes entwickeln sich besser, denn es beobachtet den Hund, dreht sich nach ihm um", sagt der Vater des behinderten siebenjährigen Dominik, gleichzeitig das Herrchen der dreijährigen Hündin Valentine.

Auch der blinden Jitka Vedrova hilft seit einem Jahr ein Hund, den Alltag zu bewältigen:

"Ich habe durch den Hund mehr Möglichkeiten, mit anderen Personen in Kontakt zu treten", sagt die blinde 26-Jährige.

Eines steht fest: Die Anwesenheit eines Hundes bringt Freude. Heilungsprozesse können dadurch beschleunigt werden.


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